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Ein herzliches Willkommen für eine junge israelische Ärztin

An einem kalten Novembermorgen hastete ich in die Universitäts-Kinderklinik, um nur ja rechtzeitig zur Morgenbesprechung der Ärzte zu erscheinen. Denn wenn ich etwas über die Deutschen wusste, so war es, dass sie pünktlich sind, und ich wollte durch ein Zuspätkommen auf keinen Fall beim ersten Mal einen schlechten Eindruck auf meine deutschen Kollegen machen. Abgesehen von der Pünktlichkeit waren meine Erwartungen zwiespältig. Obwohl Teile meiner Familie stolz darauf waren, Deutsche zu sein und in der deutschen Gesellschaft voll integriert waren, haben sie während der Schreckensherrschaft des Dritten Reiches unter Rassenhass und Verfolgung gelitten. Sie waren gezwungen, um ihr Leben zu rennen und wurden in alle Winde zerstreut, von Shanghai bis nach New York. Diejenigen, die in Europa blieben, wurden von Belgiern gerettet. Einige meiner Verwandten wurden jedoch gefasst und in Majdanek ermordet. Als einer Überlebenden der Zweiten Generation nach den Schrecken des Holocaust’ waren meine Gefühle gegenüber den Deutschen davon ziemlich belastet. Zum ersten Mal hatte ich die deutsche Sprache gehört, als ich in Israel am Holocaust Gedenktag Horror-Filme über diese Zeit ansah. Die rassistischen Nazireden wurden durch schwarz-weiß Bilder illustriert, in denen Hitler wie ein infamer Charlie Chaplin aussah, der lauter schlechte Dinge über uns Juden sagte. Dann folgten Bilder über die Qualen der Opfer und von Skeletten der Ermordeten. Es waren Szenen von einer Realität, die für mich schon deshalb unerträglich war, weil ich mir vorstellte, dass meine Verwandten sie erduldet hatten. So fürchtete ich mich sehr, nach Deutschland zu kommen und zog es wie andere Familienmitglieder von Überlebenden vor, Distanz zu wahren.

In den letzten Jahren hatte meine Familie berufliche Verbindungen zu Deutschland geknüpft, und ich lernte einige Mitglieder der DIG kennen. Ich wusste aber noch nicht, was mich von einer Bekanntschaft mit deutschen Ärzte-Kollegen in ihrem eigenen Umfeld erwartete. Natürlich war keiner von ihnen im Dritten Reich aktiver Nazi gewesen, dafür sind sie viel zu jung. Aber ich fürchtete rassistische Vorurteile gegenüber Juden. In letzter Zeit stand Europa im israelisch-palästinensischen Konflikt lautstark an der Seite der Palästinenser, kritisierte Israel hart und war gegen die internationale Beteiligung am Irakkrieg gegen Saddam Hussein. Jungen israelischen Wissenschaftlern wurde der Zugang zu akademischen Institutionen in Europa verwehrt, nur weil sie Israelis waren. Das Gespenst einer rassischen Diskriminierung schien wieder aufzuerstehen.

Die Universitätskinderklinik Bonn ist wunderbar am Ufer des Rheins gelegen, nicht weit vom Zentrum der Altstadt. Einige ihrer sehr schönen alten Gebäude stammen aus dem 18. Jahrhundert. Daneben entstanden erst kürzlich ganz neue Abteilungen mit technisch aufs modernste ausgestatteten Krankenzimmern und Laboratorien. Bei meiner ersten Begegnung erzählte mir Prof. Lentze, der Chef der Kinderklinik und der Pädiatrischen Fakultät der Universität, dass er israelische Ärzte in der Klinik gern willkommen heiße und dass er einige gute Freunde in Jerusalem habe, der Stadt, in der ich Medizin studierte. Es war eine warme und aufrichtige Begrüßung, und so erlebte ich sie dann auch bei allen anderen Ärzten und Schwestern der Klinik. Man schickte mich auf Station I, in die mich die jungen Assistenzärzte Dr. Christoph Helbling und Dr. Martin Beck einführten. Sie halfen mir, einen Arztkittel zu organisieren und luden mich dann geradewegs zu einer großartigen Aktion ein: die Kaffeemaschine der Abteilung wieder zu beleben. Die Oberärzte Dr. Joachim Wölfle, Dr. Lutz Bindl und Dr. Stephan Buderus boten mir an, bei medizinischen Entscheidungen mitzuarbeiten. Sie nahmen sich, trotz ihrer starken Arbeitsbelastung, immer Zeit, mir Sätze zu übersetzen, die ich wegen meiner begrenzten Deutschkenntnisse nicht verstehen konnte. Meine Vorbehalte gegenüber ihren Einstellungen zu rassischen Minderheiten verschwanden vollständig, als wir Patienten aller Konfessionen, Rassen und Religionen behandelten. Neben deutschen Kindern hatten wir Patienten aus ganz Europa, Asien, Afrika und aus dem Nahen Osten. Sie wurden alle warmherzig gepflegt und von den Schwestern in die Arme genommen, während unser Ärzteteam darum kämpfte, die beste medizinische Behandlung für sie zu finden. Ich war besonders beeindruckt, als meine viel beschäftigten Kollegen sich die Zeit für stundenlange Telefongespräche mit verschiedenen Sozialdiensten nahmen, um Geld für die lebensrettende Behandlung eines kleinen afrikanischen Jungen aufzutreiben, dessen Familie in Bonn Asyl gefunden hatte.

Als ich die Bonner Klink mit den Krankenhäusern in Jerusalem verglich, fielen mir einige große Unterschiede auf. Vor allem hielten sich hier überall viel weniger Familienangehörige und Verwandte auf. In Jerusalem waren die jüdischen wie auch die arabischen Patienten von zahlreichen fröhlichen und lauten Verwandten und Freunden 24 Stunden am Tag umgeben. Sie waren kaum bereit, ihre Wache am Krankenbett - selbst für die Visite des Arztes - zu unterbrechen. In Bonn war ich schockiert, als ich sah, dass viele Kinder und Babys von ihren Müttern und Familienmitgliedern allein gelassen werden, obwohl die Klinik bequeme Übernachtungsmöglichkeiten für die Eltern anbietet. Der Grund dafür mag vielleicht darin liegen, dass die Deutschen den medizinischen Einrichtungen mehr Vertrauen schenken oder dass die israelischen Familien größer sind und stärker zusammenhalten. Einen weiteren großen Unterschied fand ich in der allgemeinen Atmosphäre: Sogar an einem sehr arbeitsreichen und hektischen Tag schienen die Menschen in der Klinik in Bonn ruhiger und weniger aufgeregt zu sein. Jeder ist höflicher, und es gibt keinen Sicherheitsbeauftragten, der die Taschen am Eingang nach Bomben untersucht. Wahrscheinlich am deutlichsten wird der Unterschied in Bezug auf die Nachrichten. In Israel läuft immer und überall ein Radio oder der Fernseher, um Nachrichten zu hören. Jeder will wissen, was los ist. Man möchte sicher sein, dass bei dem letzten Gewaltausbruch keinem Bekannten etwas Schlimmes passiert ist.

Nun - was den allgemeinen Eindruck meiner Kollegen vom palästinensisch israelischen Konflikt angeht, so glaube ich, dass die meisten von ihnen mehr über das Leiden der Palästinenser gehört haben als über die israelische Seite. Ihre Information stammt natürlich überwiegend aus den europäischen Medien. Sie waren sehr interessiert und offen, von mir die israelische Sicht kennen zu lernen und zu erfahren, wie sich das Leben der israelischen Ärzte in den vergangenen Jahren abspielte. Lernen und Arbeiten in den Hospitälern von Jerusalem bedeutet, dem Terror und seinen Auswirkungen ausgesetzt zu sein. Ich war stolz, dass ich den Kollegen über meine Erfahrungen der Zusammenarbeit mit israelischen Arabern berichten konnte, die trotz Terroranschlägen fortgeführt wurde. Außerdem war ich froh, dass ich den deutschen Kollegen einige Grundworte in Arabisch beibringen konnte, die für die Behandlung der arabischen Patienten nützlich waren. Schwerer, aber vielleicht wichtiger für mich, war es, ihnen meine persönlichen Gefühle zu erklären, die ich empfand, als einer meiner beliebtesten Professoren der Medizinischen Fakultät Hadassa auf dem Heimweg von Terroristen erschossen wurde. Auch ist mir der schreckliche Schmerz im Gesicht meines Doktorvaters, der viele Stunden mit mir über meiner Doktorarbeit gesessen hatte, als dessen junger Sohn von Terroristen ermordet worden war, unvergesslich. Was den Irakkrieg angeht, so versuchte ich zu erklären, warum ich die amerikanische und britische Bereitschaft schätzte, Israel und den restlichen Ländern der Region dabei zu helfen, mit der Drohung eines Diktators umzugehen, der Nervengas gegen Minderheiten im eigenen Land einsetzte. Ich erinnerte auch an Gesprächsrunden in der Jerusalemer Klinik, in denen wir uns auf die Szenarien der biologischen und chemischen Kriegführung vorbereiteten. Vielleicht konnte das erklären, warum wir über die Haltung der restlichen europäischen Nationen so enttäuscht waren. Ich weiß, dass es jetzt eine schwere Zeit für die Palästinenser ist, aber wichtig war es für mich auch, dass ich die israelische Seite darstellen konnte. Die Europäer sollten Israelis und Juden fairer beurteilen.

Beruflich war es für mich sehr interessant zu erleben, wie kranke Kinder in Deutschland gepflegt werden und die Möglichkeit zu haben, an den wissenschaftlichen Patientenvisiten mit Prof. Lentze teilzunehmen. Ich schätzte es auch sehr, dass mich Dr. Sabina Schmitt-Grohé und Dr. Joachim Wölfle einluden, mich an medizinischen Forschungsprojekten zu beteiligen. Neben dem arabischen Grundwortschatz war auch meine Ausbildung in Jerusalem nützlich, was die Stoffwechsel- und genetischen Krankheiten anging. Sie sind bei den Juden und anderen abgeschlossenen Minderheiten häufiger verbreitet. Dr. Shaya Wexler und Prof. Chani Maayan von der pädiatrischen Abteilung des Hadassa Krankenhauses auf dem Mont Scopus in Jerusalem begrüßten die Zusammenarbeit mit unserem Ärzteteam der Station I. Sie konnten ihre Erfahrungen beisteuern und Ratschläge für die Behandlung der Patienten erteilen. Meine Gastgeber erzählten mir, dass vor dem Dritten Reich viele jüdische Ärzte an der Bonner Medizinischen Fakultät tätig gewesen waren, und es ist erfreulich, dass heute, 60 Jahre später, jüdische und deutsche Ärzte aus Jerusalem und Bonn in der Kinderheilkunde zusammenarbeiten. Bei der Behandlung kranker Kinder erlebt man etwas Besonderes. Es fördert die besten Kräfte zutage. Vielleicht ist es der Mut der Kinder und ihr unbegrenzter Optimismus, was so inspirierend auf uns wirkt. Das glückliche Lächeln eines Kindes nach all den Tränen und Schmerzen, die es zu erdulden hatte, empfinden wir als unseren höchsten Lohn.

Das Projekt - Ergebnisse, Film, künftige Arbeit - stellt Heskel Nathaniel gerne im Rahmen einer Veranstaltung vor. Zu weiteren Details kann die Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Berlin mit „Breaking the Ice“ Auskunft geben. Mehr Infos finden Sie auf den Websites www.digberlin.de oder www.breaking-the-ice.de. Dort können Sie auch nachlesen, was unser Präsident, Prof. Manfred Lahnstein, dem Team mit auf den Weg gegeben hat.

 


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