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Wege aus der Feindschaft zur Zusammenarbeit?

ARD-Korrespondent Richard Schneider erklärt Hintergründe des Nahostkonflikts

Urteile über den Nahostkonflikt sagen oft mehr über den Urteilenden als über den Nahen Osten, meint der ARD-Korrespondent in Tel Aviv, Richard Chaim Schneider. Vor allem in Deutschland verdränge vielfach das Moralisieren die vernünftige Analyse. Einseitige Anwürfe gegen Israel dienten dazu, deutsche Schuldkomplexe abzustreifen. Schneiders flott geschriebenes, gleichwohl erkennbar gut fundiertes und leicht lesbares Buch, vom Verlag wohl nicht zufällig vierzig Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg und dem Beginn der israelischen Besatzung im Westjordanland herausgebracht, lädt ein, allzu eindeutige Urteile an den vielschichtigen Tatsachen zu überprüfen.

Von Kritik verschont bleibt die israelische Politik keineswegs. Schneider nennt Versäumnisse und Fehleinschätzungen beim Namen und beschreibt Strömungen, die eine Expansion Israels auf Kosten der Nachbarn befürworteten. Sein Israelbild ist dennoch differenziert. Dies zeigt besonders das Kapitel über die israelischen Araber, einschließlich der Bewohner des annektierten Ost-Jerusalem derzeit 19,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Trotz kultureller und ökonomischer Diskriminierung gebe es in dieser Gruppe kaum den Wunsch, unter arabische Herrschaft zu gelangen, biete der israelische Staat doch ein in arabischen Ländern unbekanntes Maß an Wohlstand, Bildung und Bürgerrechten. Einzelne Vertreter der israelischen Araber hindere das allerdings nicht, unter Ausnutzung der politischen Möglichkeiten der israelischen Demokratie und des dortigen Rechtsstaates, offen mit israelfeindlichen Kräften der Umgebung zu paktieren.

Scharfsichtig nimmt Schneider neben den USA und der EU die Rolle der Vereinten Nationen unter die Lupe. Zwar verdanke Israel sein Entstehen einem UNO-Beschluss, doch herrsche im „Weltparlament“ längst eine Grundströmung, die Verurteilungen Israels zum Ritual erhoben habe, um von Menschenrechtsproblemen anderer Länder abzulenken. Als Fürsorgeinstanz für die palästinensischen Flüchtlinge habe die UNO hingenommen, dass die Gastländer diesen seit Generationen jede Integration verweigerten. So werde ein maßgeblicher Konfliktherd, der die ganze Region in Mitleidenschaft ziehe, künstlich erhalten, wie die Gewaltausbrüche im Libanon aktuell verdeutlichen.

Zu der unter Arafat in der Autonomieverwaltung „aufgeblühten“ Korruption liefert Schneider präzise Daten. Auch widerlegt er Verharmlosungen der palästinensischen Mehrheitspartei Hamas. Deren Hass auf Israel entspringe nicht Übergriffen der Besatzungsmacht, sondern sei in ihrem islamistischen Politikansatz festgeschrieben. Diskussionswürdig scheint Schneiders These, politische Interessen der muslimisch-arabischen Hemisphäre entsprängen einer völlig anderen Mentalität als die Politik des Westens und Israels und würden deshalb in Israel zwangsläufig häufig fehlinterpretiert. Dass Menschenrechtler aus den muslimischen Ländern, zumal politisch bewusste Frauen, den Freiheitsbegriff des „Westens“ mit seinen individuellen Rechtsgarantien einfordern, kommt mit der so angedeuteten kulturrelativistischen Position kaum überein.

Zentrale Bedeutung für die Weiterentwicklung des Konfliktes misst Schneider jedenfalls dem Gegensatz zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen bei. Die der momentanen politischen Konstellation geschuldete Kooperation zwischen der sunnitischen Hamas und der iranischen Führung überspiele zwar diese Spannung, doch werde die Ausweitung des iranischen Einflusses auch in stramm islamistischen Kreisen des sunnitischen Saudi-Arabien mit Sorge beobachtet. So erkennt Schneider dann einen überraschenden Hoffnungsschimmer gerade im aggressiven Vorgehen des iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Dessen Streben nach Atomwaffen nämlich beunruhige nicht nur Israel und den Westen, sondern auch die Mehrzahl der arabischen Regierungen. So könnte die das arabische Lager bisher einigende Israelfeindschaft aufbrechen und sich ein Ansatz vernunftgeleiteter Kooperation in der Region ergeben.

Pfarrer Dr. Klaus Beckmann

vorgestellt wurde:
Richard C. Schneider: Wer hat Schuld? Wer hat Recht? Was man über den Nahostkonflikt wissen muss, Ullstein-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-550-07638-1, 18,- €

 


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