Hitler besiegen
Das neueste Buch von Abraham Burg (geb. in Jerusalem 1955), im Herbst 2007 erschienen, beschäftigte in den letzten Wochen die israelische Öffentlichkeit und fand viel Beachtung in den Medien. Dieses Buch zur Erinnerung seiner Eltern ist seiner Frau und den Kindern und der verstorbenen Hannah Arendt, „die vor allen anderen wusste und verstand, dass Mut und Offenheit besser sind als alles andere“, gewidmet.
Es enthält sehr persönliche (auto-)biographische und viele sehr grundsätzliche auf seinen Erfahrungen und Einsichten in seinen vielfältigen Funktionen (u.a. Parlamentspräsident, Vorsitzender der Sochnuth / Jewish Agency und der Zionistischen Bewegung) beruhende Beobachtungen und Einschätzungen.
Voneinander abgehoben, wechseln Passagen der Auseinandersetzungen mit Kindheits- und Jugenderinnerungen bis zur Begleitung seiner Eltern in ihren letzten Lebensphasen mit abstrakten Darstellungen jüdischer Geistesgeschichte und israelischer Politik, die immer wieder in ganz konkrete Vorschläge zu grundsätzlichen Veränderungen in Selbstverständnis und Gesetzgebung münden.
Ausgehend von seinem Erleben der Wirkung des Eichmann-Prozesses (1961) auf die israelische Gesellschaft beschreibt A. Burg den Prozess der Veränderung von einer zukunftssicheren und selbstbewussten „Israeliuth“ („neue“ Menschen im Land verwurzelter Staatsbürger), die sich bewusst von der Diaspora absetzte, zu einem Jüdischsein, das von Traumatisierungen geprägt ist. (Vgl. dazu das bis heute unübertroffene Buch von Shlomo Avineri, Profile des Zionismus – die geistigen Ursprünge des Staates Israel, 17 Portraits, deutsch 1998)
„Im Laufe der Zeit schlug Israel in eine Gesellschaft der Traumata, in eine Koalition aller von ihr Betroffenen um und spannte die schrecklichen Erfahrungen von uns allen in das zentrale existentielle Erlebnis um. Die Generation der Gründer strahlte ein übertriebenes Selbstvertrauen aus, das nicht selten die grundlegenden Schwächen verdeckte, und die Generation der Erben liefert ein Maß an Zeitweiligkeit und extremem Mangel an Sicherheit, der nichts mehr verdeckt. Auch nicht den Kummer, der sich selbst entblößt. Das Ergebnis ist ein nationales Selbstverständnis, das von Levi Eschkol mit dem Begriff beschrieben wurde: „Der Held Schimschon, der Nebbichdicker“ – der armselige Held Samson – und dies ist nur uns verständlich. Eine Politik, die in sich die beiden wilden Grundlagen der historischen israelischen Erfahrungen enthält: Überlegenheit und schreckliche Schwäche zugleich. Uns ist das selbstverständlich und jedem, der uns betrachtet und versucht, das Geheimnis unserer Existenz zu enträtseln, bleibt es ein unklares Mysterium, das sich zwischen Heuchelei und Wahnsinn bewegt.“ (S.127, Übers. R.N.)
Ausführlich geht er auf das Ungleichgewicht von Katastrophe und Heldentum (Schoah veGvura) ein und mahnt zu einer realistischen Sicht der Bedeutung der Gettoaufstände von Warschau und Bialystok. Sehr ergreifend ist die Schilderung des Umschlages der Stimmung in den 60er Jahren, dem er ein eigenes Kapitel widmet.
„Irgendwo in diesen 60er Jahren entstanden die Risse und Abgründe. Dieses sagenhafte Jahrzehnt war es, in dem so viele Geister und Gespenster aus so vielen Flaschen kamen, und keiner weiß bis heute, wohin man sie je zurückbringen kann. In diesen Jahren sprangen die Risse auf, die zum Bruch führten: zwischen uns und unseren Eltern, in uns selbst und zwischen uns und vielen unserer Generation in der Welt. In diesem Jahrzehnt der 60er begann Israel den Bruch mit seinen Gründern, den im Lande geprägten Leuten der Mapai. Alle israelischen „Anderen“ begannen ihren Weg zu den Positionen mit Einfluss und im Staatsapparat. Als sie dort in der Mitte der 70er ankamen, schloss Israel den Bruch mit der Welt ab und vergab in großem Maße die wichtigste Chance, die je gegeben war: zu gesunden und sich von seinen inneren Krankheiten und von den historischen Krankmachern des jüdischen Volkes zu erholen. In den 60er Jahren hatten wir die goldenen Chancen zu gesellschaftlicher Demokratisierung, zu einer neuen Entwicklung und dazu, das Vertrauen der Welt in uns und unser Vertrauen in die Welt zu erwerben. Aber ausgerechnet damals begannen wir den Rückzug in die Diaspora, ins Stetl und in die Kultur der Paranoia.“ (S. 185, Übers. R.N.)
„Damals ´67 sangen wir in Einfalt und unter Tränen: ‚Die West-/Klage- (R.N.) Mauer ist verlassen und traurig – Blei und Blut. Es gibt Menschen mit einem Herz aus Stein und es gibt Steine mit einem Herzen...’ und wussten nicht, dass wir über uns selber singen und über unser Herz, das sich zunehmend verhärtet. Bis unser Herz Stein wurde. Wir haben uns ‚in wunderbarer Weise’, mit dem Wunder des Krieges, mit Blei und Blut, dem Rest des Tempels verbunden, der vor 1900 Jahren in Blut und Feuer und in einer Rauchsäule vernichtet wurde, und wir haben uns verändert, ohne es zu merken. Wir haben mit großen Bulldozern den Platz, der vor der Mauer war, ausgelöscht, wir haben die Häuser der Bewohner des Mograbi-Viertels, die in einer Nacht aus ihnen vertrieben wurden, zerstört im Angesicht unserer sich erneuernden Heiligkeit, als wollten wir sagen: Wir verlassen die kleinen Gassen und die Intimität, die die Geschichte dieses Platzes und seiner Gläubigen charakterisiert haben, zu dem großen Gelände des neuen jüdischen Imperiums. Wie am Sinai haben wir erst gehandelt, bevor wir aufgepasst, nachgedacht und hingehört haben. Wir haben den Klang schwerer Marschtritte gehört und gedacht, das wären die Schritte des Messias, und wir dachten, hier und jetzt kommt das Ende für jedes Leid, Trübsal und Seufzen; und wir haben uns mächtig geirrt. Die Nöte begannen erst. Und der Messias der Gebiete, der Erlösung und der Heiligung der Gewalt erwies sich als beängstigender Pseudomessias.“ (S189, Übers. R.N.)
„Die Stimmung in Israel, nicht unbedingt die öffentliche und politische, sondern die verborgene im tiefsten Inneren des Einzelnen und seiner Lebenswelten, begann sich zu bewegen. Weil die ersten Tage des Staates Tage der Euphorie und der Erlösungsfreude über die Errichtung des Staates Israel, auch Tage der Unterdrückung der Schmerzen und Traumata aus dem 2. Weltkrieges und des schweren Blutzolles des Unabhängigkeitskrieges waren und der gewaltsamen Unruhen, die hier nie einen Moment aufhörten. In jenen Tagen kristallisierte sich das Volk und die Gesellschaft um Ben Gurion, den Vater der Nation, seine Vision, seinen Weg und seine Taten. Eine Anekdote wird Salman Aren, damals Kultusminister Israels zugeschrieben: Sie erzählt, dass Aren auf die Frage nach seiner Beziehung zu Ben Gurion gefragt antwortete: ‚Wir folgen Ben Gurion mit geschlossenen Augen. Aber manchmal machen wir sie auch auf, um zu sehen, dass er nicht mit geschlossenen Augen geht.’“ (S.213, Übers. R.N.)
An diese Zeilen schließt sich eine Schilderung des dramatischen Umbruchs mit dem Grünwald/Kastner-Prozess an, in dem zum ersten Mal eine demagogische Hetze der Rechten die Grundlagen der bisherigen Führung in Frage stellt und an das Trauma der Überlebenden appelliert, indem sie einen Keil zwischen Mapai und Überlebende treibt.
Dieser Verschiebung des Wertesystems und aller bisherigen Koordinaten geht A. Burg ausführlich nach. Er setzt sich mit den religiösen Überhöhungen und Instrumentalisierungen und der Umfunktionierung vieler Begriffe auseinander. Seine Vorstellungen von einer Trennung von Staat und Religion (die er 1991 in das Parteiprogramm der Arbeiterpartei einbrachte und die Shimon Peres mit dem Verdikt „Hitjawenut“ (Hellenisieren) versah, Anm. R.N.) nimmt er zum Ausgangspunkt seiner Gedanken für eine neue friedliche Zukunft Israels. Hierbei geht es immer wieder um die Frage nach Partikularismus und Universalismus in den Auseinandersetzungen mit den Nachbarn und der Ethik im Verhältnis zu Christentum und Islam. Er kritisiert den Ausschließlichkeitsanspruch beim Thema „Schoah“ und geht ausführlich auf den Völkermord an den Armeniern und an den Hereros ein (und zeigt viele Linien von dort zu den Judenmorden im 3. Reich). Er fordert mehr Ehrlichkeit und Eindeutigkeit in den Maßstäben der Innen- und Außenpolitik und reißt Tabus ein und schlachtet heilige Kühe, indem er immer wieder auf Widersprüche und Unredlichkeiten hinweist (in den Kapiteln „Katastrophen, die nicht die unsrigen waren“ und „Die jüdische oder neo-jüdische Rassenlehre“ (S.234 – 325).
Für viele Leser in Israel und unter den Freunden Israels im Ausland mit einem bestimmten „Zionismus“-Verständnis werden diese Seiten besonders quälend und zugleich faszinierend in ihrer klaren Loyalität sein.
Eindrucksvoll finde ich das folgende Kapitel mit der Überschrift „Dem Antlitz Gottes das Lächeln zurückgeben“. Hier entwirft er Visionen für die Zukunft in Rückbesinnung auf die zwei Traditionsstränge der Geschichte Israels, nimmt Bilder der Versöhnungs- und Trauerriten und ihrer heilenden Kraft auf. Sein durchaus kritisches Deutschlandbild (in intimer Kenntnis deutscher (Geistes-)Geschichte) lässt ihn aber auch zu konstruktiven Entwicklungen Anstoß geben. Schließlich schlägt er vor, den „Yom haSikaron leSchoa“ (27. Nissan, Holocaustgedenktag) zu streichen und stattdessen im Rahmen der UNO mit aller Welt (einschließlich der arabischen Bürger des Staates und der Nachbarn) den Tag der Befreiung Auschwitz´ als universellen Feiertag der (Hoffnung auf die) Überwindung des Rassenhasses und des Völkermordes zu begehen. Am 9. Mai will er mit den Bürgern der früheren Sowjetunion und der westlichen Welt den Sieg über Hitlers Regime der Unmenschlichkeit mit über 50 Millionen Opfern der Nazizeit feiern. Beide Daten richten sich nach dem allgemeinen Kalender und stehen in einem globalen Rahmen. Da er immer mehr dazu neigt, den Begriff „Schoah“ im liturgischen Kontext zu vermeiden und stattdessen von „Churban“ (Vernichtung wie des 1. und 2. Tempels) spricht, ist es gut nachvollziehbar, dass er den 9. Av für Israel nach hebräischem Kalender zum zentralen innerjüdischen Gedenken ins Auge fasst. Es ist beeindruckend, wie er bei allen seinen Überlegungen immer die Befindlichkeit der über 20% nichtjüdischer Staatsbürger (einschließlich der zunehmenden Zahl nichtjüdischer Russen) im Auge hat.
„In der Gefängniszelle der Menschheit aus jenen finsteren Tagen ist noch jemand übrig geblieben – Deutschland. Einige werden sagen: zu Recht, sie haben es verdient! Andere werden verstehen, dass es zur menschlichen Güte gehört, das problematische Beziehungsgeflecht zwischen dem Gefängniswärter Judentum und dem Gefangenen Deutschland zuzulassen. Ein Weiser hat einmal die zukünftigen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel als die siamesischer Zwillinge erklärt, durch das Schicksal sind sie für ewig untrennbar, schicksalhaft gebunden für immer. Und in meinen Augen sind Israel und Deutschland zwei Nachbarnationen am Ufer des Meeres der gemeinsamen Erforschungen. Sie sind sehr unterschiedlich, aber für immer Nachbarn. Solange Israel sich in der Ecke der Abschottung befindet und sich selbst eingräbt, wird auch Deutschland dorthin gezogen sein. Aber an jenem zukünftigen Tage, wenn wir aus Auschwitz ausziehen und den neuen Staat Israel errichten, werden wir verpflichtet sein, auch Deutschland aus unserem Gefängnis freizulassen.
Wahrlich, wir dürfen nicht vergessen, aber wir dürfen genauso wenig für immer Gefangene der Erinnerung bleiben. In der Vergangenheit leben und für immer nicht von ihr geheilt werden. Wenn Israel Deutschland befreit, wird es der ganzen Welt gut tun. Das wird unser Beitrag für die Leidenden der Welt und die heute Verfolgten sein. Heute sind Israel und Deutschland die Namen zweier Verfolgter eines Erlebnisses, der Schoah, die beide zusammenhält und ihnen eine Atmosphäre der Intimität schafft, die keinen Einbruch zulässt. Das führt dazu, dass Deutschland international kaum seine volle Stärke ins Spiel bringen kann. Deutschland ist in gewissem Sinne zu unserem privatem Deutschland geworden. Am Tage, an dem wir uns befreien, werden wir es befreien. Wenn das jüdische Volk versteht, dass die Schoah ein Ereignis ist, das viel größer ist als wir, dass sie nicht nur uns gehört und wir kein Monopol darauf haben, sie unser Unglück ist, das der ganzen Menschheit gehört, und dass wir nur einen Teil der weiten Völkerfamilie ausmachen, die nie wieder eine Verletzung eines Volkes in keinem Fall zulassen wird – nur dann, an jenem Tage wird das jüdische Volk im Stande sein, sein Deutschland ‚als Beitrag’ dazu beizusteuern.“ (S.372f, Übers. R.N.)
Ein Buch, das viele Gefühle aufwühlt, das nicht in der derzeitigen Mitte angesiedelt ist, das aber viele und vieles bewegt. Awrum Burg hat sich nie in der bequemen, vermeintlichen Mitte bewegt. Sein Freundeskreis in der Arbeiterbewegung hat aber sehr viel bewegt (u.a. die gedanklichen Voraussetzungen für die Gespräche in Oslo geschaffen). Obwohl er zahlreiche zentrale Funktionen ausgefüllt hat und über großen Einfluss verfügt, hat er nie an einem Amt festgehalten, so hat er sich eine große Unabhängigkeit bewahrt und brauchte nie seine Grundsätze zu verraten. Diese Haltung kann auch uns in der DIG ermutigen, angstfrei alle Strömungen und Gedanken in Israel und die Reaktionen in Deutschland darauf genau zu betrachten. Dies kann uns davor bewahren, uns einzuengen und uns damit für andere in Deutschland und Israel uninteressant zu machen.
Kurzvorstellung von Roland Neidhardt
Vorgestellt wurde:
(lenatseach et Hitler / Victory over Hitler)
von Avraham („Awrum“) Burg, hebräisch
Herbst 2007 bei Yedioth Ahronoth - Ssifrej Chemed (382 S.)