„Der schöne Busen der Nachbarin“
In dem schmalen Band von Schraga Har-Gil sind 15 Geschichten aus 60 Jahren Israel versammelt. Hatte der Autor in seinem ersten Band „Alte Liebe rostet nie“ seine Kindheit in Würzburg zu Beginn der Nazi-Diktatur in Geschichten erinnert, wendet er sich nun Begebenheiten zu, die Menschen in Palästina und Israel illustrieren, die alle etwas gemeinsam haben. Alle mussten ihr ursprüngliches Heimatland verlassen, um weiter leben zu können in einem Land, in dem ein halbes Jahr lang ununterbrochen unerträgliche Hitze herrscht, die neue Landessprache in nichts der alten Muttersprache ähnlich ist und schon Menschen leben, die die Neuankömmlinge auch noch argwöhnisch empfangen.
Der Ton des Autors ist erzählerisch. Wer ihn kennt, hört durch den Text seine warme, tiefe Stimme, er spricht die Zuhörer an, die sich um ihn versammelt haben, trifft sie mitten ins Herz. Lebendiges Erzählen. Nie ahnt man wirklich den Fortgang der Geschichte. Har-Gil erzählt so, als würde jeder Satz gerade eben erst geboren werden.
Die Schriftstellerin und älteste Chefredakteurin der Welt, Alice Schwarz-Gardos von den „Israel-Nachrichten“ (einzige deutschsprachige Zeitung in Israel) in Tel Aviv, sprach von Har-Gil sogar als dem Kurt Tucholsky Israels.
Die Titelgeschichte „Der schöne Busen...“ erinnert stark an eine Szene in dem Film „Auf Wiedersehen, Kinder“ von Louis Malle.
Bei einem Bombenangriff verstecken sich die beiden Freunde Julien und Bonnet (der Christ und der getarnte Jude) im Musikzimmer, laufen nicht nach Vorschrift in den Luftschutzkeller. Während die Bomben fallen, sitzen sie am Klavier und spielen vierhändig voller Leidenschaft, vergessen die Gefahr.
Ähnlich ist es in Har-Gils Erzählung. Ein Heranwachsender ist erregt, sitzt im Unterstand in Palästina zur Zeit des zweiten Weltkrieges. Alle haben dort Angst um ihr Leben, nur er sehnt sich in der Dunkelheit danach, den „schönen Busen der Nachbarin“, die sich da unten immer umzieht, zu sehen, ja, sogar zu berühren. Und dazu muss eine Bombe fallen, die alles erhellt..
Har-Gils Geschichten handeln von Liebe, Trauer, Träumen, Verwundung und Hoffnung, beleuchten Menschen in Palästina-Israel auf heitere und besinnliche Weise. Es sind Geschichten, die ermutigen, das Leben zu lieben und es immer wieder neu zu versuchen trotz allen Unglücks.
Ulla Gessner
Vorgestellt wurde:
„Der schöne Busen der Nachbarin“ von Schraga Har-Gil, erschienen 2006 im Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg. 115 Seiten, 9,80 €