Jüdischer Almanach Sprachen
Der jüdische Almanach 2007 des Leo Baeck Instituts befasst sich mit dem Thema Sprachen.
Der Titel ist allgemein und eindeutig gehalten. Vor dem Hintergrund der wechsel- und leidvollen deutsch-jüdischen Beziehungen kommen einem sofort Hebräisch und Deutsch, vielleicht noch Jiddisch in den Sinn. Spätestens beim Durchlesen von Inhaltsverzeichnis und Vorwort der Herausgeberin, Gisela Dachs, wird der Leser feststellen, dass das scheinbar klar und einfach gefasste Thema komplex und voller Überraschungen ist.
Von Na´ama Sheffi wird das Verhältnis von Juden und Israelis zur deutschen Sprache näher beleuchtet. Sie geht auf die Bedeutung der deutschen Sprache und Kultur ein, die für viele europäische Juden als Vorbild für die Bildung einer eigenen Kultur und Nation galt. Durch Übersetzung vieler Schriften jüdischer und deutscher Schriftsteller ins Hebräische kam es zur Ausbildung des bis dahin als reine Schrift- und Sakralsprache geltenden Hebräisch zur Alltagssprache, wie wir sie heute kennen.
Der Einfluss der deutschen Sprache und Kultur ging sogar so weit, dass man versuchte, an der ersten hebräischen Hochschule, dem Technion in Haifa, Deutsch als Unterrichtssprache einzuführen.
Angesichts der von Nationalsozialisten verübten Gräuel gegen die jüdische Bevölkerung war es in Israel lange Zeit verpönt, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen. Eine Entspannung trat erst allmählich ein.
Ähnliche Aspekte werden von Michael Dak in seinem Beitrag „Deutsch und Hebräisch – Die Geschichte einer Hassliebe“ behandelt. Er geht dabei auch auf die (Fort)Entwicklung der hebräischen Sprache und ihre Beeinflussung durch die Welt von Hightech und Globalisierung ein.
Ben Segenreich gibt einen kurzen, aber humorvollen Überblick über den Gebrauch deutscher Begriffe im israelischen Alltag, insbesondere bei den Handwerkern, mit zahlreichen Beispielen (wer von uns hätte sich gedacht, dass mit „Schnugrist“ ein Schnurgerüst gemeint ist und Begriffe wie Stecker, Dübel und Schalter eins zu eins ins Hebräische übernommen wurden?).
In „Die Sprachinsel der Jeckes“ berichtet Anne Betten über die Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich, die ein besonders gepflegtes Deutsch sprachen und immer noch sprechen. Dies zeigt sich nicht nur an der dialektfreien (Aus)Sprache, sondern auch an den langen und komplexen Satzstrukturen, die auch gesprochen grammatisch korrekt wiedergegeben werden.
Benjamin Harshav beschäftigt sich mit der Erneuerung der hebräischen Sprache und der tatsächlichen Rolle des Begründers des modernen Hebräisch, Eliezer Ben-Jehuda.
Naomi Bubis beleuchtet den Einfluß der arabischen und englischen Sprache wie auch des Militärjargons auf die moderne Umgangssprache der Israelis. Dies führt zur Neuschöpfung von Worten und Redewendungen, und alte Begriffe erhalten neue Bedeutungen.
Izi Mann erläutert in seinem Beitrag „Der Turm zu Babel – made in Israel“ die Bedeutung des Radiosenders Kol Israel sowohl für die israelische Einwanderungspolitik als auch für die vielen Einwanderer und die in der Diaspora Verbliebenen seit der Gründung des Senders.
Hellmut Stern berichtet in seinem Beitrag, wie die Sprache der Musik für ihn und seine Eltern im chinesischen Exil lebensrettend war.
Die letzten Kapitel sind u. a. dem Jiddisch, Ladino und Esperanto gewidmet.
Während B. Mer vom unaufhaltsamen Untergang des Jiddischen als Sprache ausgeht - trotz einiger gegenläufiger Bestrebungen, sieht K. Sarhon die Möglichkeit, das Ladino und die dadurch verkörperte sephardische Kultur vor dem Vergessen zu retten, obwohl auch sie davon ausgeht, dass Ladino nie wieder eine Muttersprache sein wird.
Zum Schluss stellt Ulrich Lins die Entstehungsgeschichte des Esperanto und den Versuch seines Begründers, des jüdischen Augenarztes, Ludwig Lazarus Zamenhof, dar, mithilfe einer neutralen Sprache und Religion insbesondere den Juden eine Möglichkeit zu geben, „die anachronistischen Merkmale ihrer Religion abzuschütteln und sich endlich zu einem selbstbewussten Volk“ zu entwickeln.
Mit diesem für mich überraschenden Bericht endet der Almanach auch schon. Gewünscht hätte ich mir noch einen Beitrag über die vielen russischen Einwanderer und den Einfluss ihrer Sprache auf den israelischen Alltag.
Insgesamt ist dieser Almanach ein sehr lesenswertes Buch über die Beziehungen unterschiedlicher Menschen zu- und manchmal gegeneinander, ihren Kulturen und Sprachen. Die Sprache als Brücke oder als Barriere, als Spiegel der Fülle und des Reichtums der Kulturen.
Dem universellen Charakter des Themas trägt dieser Almanach Rechnung durch seine Vielfältigkeit, der für jedermann allgemein verständlichen Sprache und den zahlreichen weiterführenden Hinweisen. Er ist ein lehrreiches Buch, ohne belehrend oder wissenschaftlich und langweilig zu sein. Es ist für jeden eine Bereicherung, der sich mit jüdischem Leben und jüdischer Kultur intensiver befassen will.
Ursula Schmitt
Vorgestellt wurde:
Jüdischer Almanach Sprachen, Hg. Gisela Dachs, Jüdischer Verlag, 142 Seiten, 14,80 €