Blick in die Zukunft
Igal Avidan untersucht Israel heute und will wissen, wie es weitergeht
Zum Jahrstag der Proklamierung des Staates Israel sind zahlreiche Publikationen erschienen, in denen die Leistungen der Gründergeneration gewürdigt sind und die Entwicklung des zionistischen Projektes bis heute nachgezeichnet wird. Igal Avidan, den in Berlin lebenden israelischen Journalisten und Politikwissenschaftler, beschäftigt vor allem die Frage nach der Zukunft seines Landes: „Israel, ein Staat sucht sich selbst“ heißt seine kritische Bestandsaufnahme.
Avidan zeigt ein „Röntgenbild“ des Staates, „jenseits der gängigen Klischees von frommen Rabbis und sexy Soldatinnen“. Sein besonderes Interesse gilt dabei einigen wunden Punkten. In fünf von sieben Kapiteln befasst sich der Autor mit Phänomenen des israelisch-arabischen Verhältnisses - das häufig ein israelisch-israelisches ist: Araber machen zwanzig Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Avidan hat sich mit vielen unterhalten: „Manche verdächtigten mich offen, ein Agent des Geheimdienstes zu sein. Einige waren stolz darauf, dass ein jüdischer Israeli sich für ihre Arbeit und ihre Gedanken interessiert. Ich wiederum war überrascht, dass sie besser Hebräisch sprachen als viele jüdische Gesprächspartner.“ Insgesamt achtzig Interviews hat Igal Avidan in sein Buch eingearbeitet. „Eine Demokratie ist Israel vor allem für die Juden“, konstatiert der Autor. Die Diskriminierung der Araber sieht er als roten Faden, der sich von der Staatsgründung bis heute durch Israels politische Praxis zieht. Avidan gibt zahlreiche Beispiele aus dem Alltag des Landes, in dem zwei Ethnien nebeneinander leben. Er zeichnet die medienträchtige Odyssee eines palästinensischen Ehepaares nach, das in einem Dorf mit jüdischer Bevölkerung ein Haus kaufen will, stellt die Schwierigkeiten dar, die der Jude Eytan Bronstein mit den eigenen Behörden bekommt, als er sich bemüht, die Geschichte ehemals arabischer Dörfer innerhalb Israels zu rekonstruieren, schildert die Erlebnisse einer arabischen Knesset-Abgeordneten am Flughafen in Lod.
Ohne Polemik benennt Avidan „Fehlstrukturen“ der jüdischen Demokratie. Er verdeutlicht, wie wenig Israelis bis heute von Arabern wissen, wie gering sie die eigene Verantwortung für das palästinensische Flüchtlingsproblem veranschlagen.
Er verweist aber auch auf positive Entwicklungen. Beispielsweise die erfolgreiche, außerparlamentarische Friedensinitiative des ehemaligen israelischen Geheimdienstchefs Ayalon und des Rektors der palästinensischen Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem, Sari Nusseibeh. „Eine begrenzte Rückkehr ohne Rückkehrrecht – das könnte die Zauberformel sein, die den palästinensischen Traum und den israelischen Alptraum vereinbaren könnte“, resümiert der Autor.
Auch untersucht Avidan Bereiche, die nicht im Zentrum öffentlichen Interesses stehen – den Umgang der israelischen Gesellschaft mit ihren Neo-Nazis. Synagogenschändungen und Zurschaustellung nationalsozialistischer Symbole wurden lange verdrängt. Erst ein eingewanderter Moldawier, lässt uns Avidan wissen, hat über Jahre beharrlich über solche Vorkommnisse berichtet, bevor Presse und Politik endlich reagierten.
Anhand der Geschichte einer jungen Französin führt Avidan vor, wie schwierig es gerade in Israel ist, zum Judentum überzutreten – nur ein Beleg für die Macht der Orthodoxie in einem Staat, der demokratisch und jüdisch sein will.
Igal Avidan zeigt ein widersprüchliches, lebendiges Israel, dessen Identität, trotz zeitlich fortschreitender Distanz, mehr denn je an den Holocaust gebunden ist. In klarer Sprache, anhand plastischer Beispiele und aktuellen Zahlenmaterials, macht Avidan dem Leser verständlich, was Israels Politik und Selbstverständnis beeinflusst. Um die nächsten sechzig Jahre zu überstehen, müsse es seine demokratischen Strukturen stärken. So das Fazit des Autors, dessen unsentimentale, gleichwohl engagierte Darstellung das Buch lesenswert macht.
Carsten Hueck
Vorgestellt wurde:
Igal Avidan: "Israel. Ein Staat sucht sich selbst.", Diederichs Verlag, München 2008, 216 Seiten, 19,95 EUR