Verfangen in eigener Perspektive
Es gibt wohl zwei Perspektiven aus denen dieses Buch kritisiert werden kann. Von der ersten, der politischen Sichtweise, wurde weithin Gebrauch gemacht: Bereits der Artikel im „London Review of Books“ aus dem Jahr 2006, der nun auf rund 500 Seiten ausgewalzt vorliegt, rief heftigste Reaktionen hervor. Mearsheimer und Walt bemühten, so die Kritiker, altbekannte Vorurteile und bedienten antisemitische Verschwörungstheorien. Damit bestätigten sie jedoch scheinbar eine der zentralen Behauptungen dieses Buches: Wenn sich jemand kritisch gegenüber Israel oder den israelisch-amerikanischen Beziehungen äußere, versuche man, ihn mundtot zu machen. Dies ist die Hauptthese und der Habitus der beiden Autoren zugleich: „Seht her, wir sprechen unangenehme Wahrheiten auch gegen größte Widerstände aus.“ In der Tat erzielt man so einen enormen Werbeeffekt, es gibt kaum eine Buchhandlung, die dieses Werk nicht vorrätig hat. Keine andere wissenschaftliche Arbeit, die sich mit dieser Thematik beschäftigt, kann auf ähnliche Aufmerksamkeit hoffen. Die Allgemeinplätze, die Walt und Mearsheimer verbreiten, gehören jedoch mittlerweile zum „guten Ton“, der sich gern als Tabuverletzung kaschiert und sich damit gegen Kritik immunisieren will. Dabei stellen die Autoren Fragen, die durchaus berechtigt sind und finden eine Antwort, die so neu nicht ist und die nicht nur im Falle Israels von jenen bemüht wird, die sich vermeintliche oder tatsächliche Missstände in der Politik nicht erklären können. Ob die Themen nun Waffenbesitz oder Wirtschaftsförderung oder die Agrarpolitik lauten, es gibt einen Passepartout, der mit einer antipluralistischen Feile geschliffen wurde: Es ist die Lobby, die das Land regiert. Dass diese Behauptung im Falle Israel einen bitteren Beigeschmack hat, erklärt die Reaktionen auf das Buch.
Hier setzt die zweite, die wissenschaftliche Perspektive an: Dass ausgerechnet zwei Professoren für Politikwissenschaft zweier angesehener Universitäten (Harvard und Chicago) dieses Lied pfeifen, das eigentlich ein journalistischer Gassenhauer ist, verwundert doch sehr. Dabei gehen Walt und Mearsheimer durchaus differenziert vor, sie wägen ab und recherchieren gründlich, sind aber in ihrer eigenen theoretischen Perspektive verfangen. Beide sind bekannte Vertreter der neorealistischen Schule der Internationalen Beziehungen, in deren Augen Staaten ein einheitliches nationales Interesse, nämlich die Maximierung von Sicherheit, verfolgen. Die USA sind, wer möchte es nach 9/11 leugnen, durchaus bedroht. Der islamistische Terror zeige, dass sich die einseitige Parteinahme zugunsten Israels negativ auf die Sicherheit der USA auswirke. Bleibt die Frage, warum die USA gegen ihre vitalen Interessen handeln? Es muss also, nach dieser Denkart, einen Faktor geben, der verhindere, dass sich die USA auf ihre „wahren“ Interessen besinnen. Was könnte das wohl sein? ... Richtig! Dass Walt und Mearsheimer in ihrer Arbeit nahezu die gesamten Ergebnisse der Interessengruppenforschung ignorieren, ist eines der Ärgernisse dieses Großessays. Sich diesen Erkenntnissen zu widmen, hätte wohl zu einer ausgewogeneren Sichtweise der Thematik geführt. Dies wäre jedoch, zugegebenermaßen, nicht so publikumswirksam und spektakulär gewesen, wie die plakative, aber fragwürdige These von der „Israel-Lobby“.
Christian Bala
Vorgestellt wurde:
John J. Mearsheimer/Stephen M. Walt: Die Israel-Lobby: Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird, Frankfurt/Main, New York: Campus 2007, 503 Seiten, 24,90 €