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Agenten des Bösen

Verschwörungstheorien dienen der Vereinfachung des Weltbildes. Entscheidender noch: Sie entlasten von politischer Verantwortung, denn „schuld“ sind ja im Zweifelsfall die verborgenen Drahtzieher. Aller „Modernität“ der Zeiten zum Trotz feiern Verschwörungsmythen gerade seit der Aufklärung fröhlich Urständ; auch zentrale Problemfelder der gegenwärtigen Weltpolitik sind ohne Berücksichtigung dualistischer Konspirationstheorien nicht zu verstehen.

Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann hat eine historisch lehrreiche und zugleich politisch engagierte Monographie der Verschwörungstheorien vorgelegt. Entgegen dem Untertitel setzt diese nicht erst bei Luther und dessen – zeitgenössisch weithin geteilten – Ressentiments gegen Juden und Türken ein, sondern bereits bei der hebräischen Bibel. Der Teufel als Gegenspieler des Schöpfers und unerlässlicher Part einer dualistischen Weltkonzeption stelle im Alten Testament noch eine Randfigur dar. Dies ändere sich radikal im Neuen Testament. In der johanneischen Verwerfung der Juden als „Kinder des Teufels“ findet Wippermann den christlichen Antijudaismus vorgeprägt, der über Jahrhunderte eine blutige Wirkung entfalten und auf nachchristliche Ideologien überfließen sollte. Der Beurteilung des Neuen Testaments hätte es sicher gut getan, ergänzend und relativierend die paulinische Versöhnungslehre und die dort grundgelegte erwählungstheologische Sicht des Judentums zu berücksichtigen, die in der Kirchen- und Theologiegeschichte sehr wohl auch ihre Spuren zeigt. So beschränkt sich der Autor auf die dualistischen Momente und wird den christlichen Basistexten nicht vollends gerecht.

Differenziert und informativ zeigt sich Wippermanns Buch für die Neuzeit und besonders die politische Gegenwart. Die verbreitete Heranziehung der Juden als „Verschwörer“ par excellence in sich stetig fortzeugenden politischen Hassmythen erweist die beklemmende Aktualität schon biblisch vorgeformter Stereotype. Vor dem Ersten Weltkrieg durch den zaristischen Geheimdienst in die literarische Gestalt der „Protokolle der Weisen von Zion“ gefasst und durch NS-Ideologen begierig aufgegriffen, feiert die „Jüdische Weltverschwörung“ in islamistischen Manifesten wie der Charta der Hamas weltanschaulich Triumphe. Jede Suche nach vernünftigen Übereinkünften im Nahen Osten gerät da ins Hintertreffen. Alarmierend ist der Nachweis, dass zum Weltbild verfestigte antijüdische Vorurteile keineswegs auf marginale Gruppen rechtsextremen oder esoterischen Zuschnitts beschränkt sind. Nach dem 11. September 2001 griff in der auf den Nimbus der Aufgeklärtheit bedachten Linken ein Verschwörungsdenken um sich, das die internationale Judenheit als Drahtzieher inszenierten Terrors ausmachen will.

Wippermann unterzieht auch die im Westen kursierenden Pauschalurteile über den Islam und dessen Terrorpotenzial seiner Kritik. Gerade im Staat Israel, dem bevorzugten Objekt islamistischer Verschwörungsmythen, sei ein insgesamt rationaler Umgang mit den real nicht zu leugnenden Gefahren des Islamismus zu erkennen – im Unterschied zur neokonservativen US-Regierung, die im „Kreuzzug gegen den Terrorismus“ christlich-religiösen Dualismus wiederbelebt und dadurch den rationalen Impetus des Widerstands gegen den Islamismus ad absurdum geführt habe.

Dem drohenden globalen Rückfall in eine vor- und antiaufklärerische Zeit sollte die Kirche in dem Bewusstsein entgegen treten, dass das Evangelium ein „erklärter Freund des gesunden Menschenverstandes“ ist (Karl Barth).

Dr. Klaus Beckmann,
Gemeindepfarrer in Homburg,
Lehrbeauftragter an der Universität Saarbrücken

Vorgestellt wurde:
Wolfgang Wippermann: Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute, 208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, bebra-Verlag, Berlin 2007, Preis 19,90 Euro

 


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