Von Gott zu Google
60 Jahre Leben und Überleben in Israel
Vor 60 Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Dieses Jubiläum bietet hinreichend Anlass für Rück-, Ein- und Ausblicke aller Art. Eine besonders gelungene Veröffentlichung soll im Folgenden angezeigt werden.
Die 1963 geborene promovierte Historikerin Sylke Tempel hat sich als Journalistin und Publizistin ein bemerkenswertes Renommee erarbeitet. Mit ihrer neuen Publikation „Israel. Reise durch ein altes neues Land“ wird sich ihr Ruf als profilierte Kennerin des Heiligen Landes weiter verstärken. Dabei hat sie ein sehr persönliches Werk verfasst, welches weder als Reiseführer noch als Geschichtsbuch daherkommt. Vielmehr verknüpft sie ihre individuelle Reisereportage geschickt mit der politischen Biographie Israels. Dieser reizvolle Ansatz mitsamt dem höchst subjektiven Blickwinkel macht einen guten Teil des Charmes dieses Buches aus.
Nachdem die Autorin zehn Jahre als Nahostkorrespondentin für deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften in Israel gelebt und von dort berichtet hat, kehrt sie nun dorthin zurück und unternimmt den Versuch, Land und Leute neu kennen zu lernen, und zwar ohne die Korrespondentenbrille. Folgerichtig bleiben tagespolitische Ereignisse konsequent ausgeblendet; ihr geht es um die „Rahmenhandlung“. Palästinenser kommen in dem Buch als eigene Stimme nicht vor; ihnen wünscht Tempel zu Recht einen eigenen Chronisten.
Die Reise führt die Autorin und damit auch den Leser zunächst auf den Spuren des israelitischen Exodus zum Sinai. Die nächste Station bildet die monumentale Felsenfestung Massada mit ihrer kaum zu übertreffenden Symbolik; weiter geht es nach Hebron und in die Siedlung Kirjat Arba – zwei Hochburgen radikaler Zionisten. Einen ersten Höhepunkt markiert die sehr alte Dame Jerusalem; das Bezaubernste an ihr sei das Licht. Treffend attestiert die Autorin, Jerusalem sei auf dem Weg von einem provinziellen Bergdorf in eine genussfreudige Großstadt. Über die nordisraelische Landschaft Galiläa führt die Route schließlich zum Endpunkt der Reise, nach Tel Aviv.
Tempel wandert in Begleitung von Beduinen durch die Berge, besucht Rinderzüchter in der Wüste, trifft religiöse Fanatiker und deutsch geprägte Jeckes, begegnet eislaufenden Russen, israelischen Arabern und arabischen Juden, äthiopischen Neuankömmlingen oder syrischen Drusen, spricht mit Holocaust-Überlebenden und mischt sich unter Szenepeople und High-Tech-Spezialisten. Israel erweist sich einmal mehr als Multikulti in Reinkultur.
Israel als „junges uraltes“ Land der Extreme wird facettenreich und überaus anschaulich porträtiert. Tempel versteht es, erhellende Eindrücke zu vermitteln und dabei auch die jüdische Geschichte zu erzählen. Sie scheut sich nicht, persönliche Vorlieben und Abneigungen deutlich zu machen. So erfreuen sich ultraorthodoxe Juden und militante Siedler bei der Autorin keiner großen Bewunderung: Ein Bonmot Lichtenbergs zitierend seien Fanatiker zu allem fähig, sonst aber zu nichts. Die liberale (libertäre?) Metropole Tel Aviv hingegen genießt die ganze Zuneigung der Autorin.
Tempel hat einen etwas anderen Reiseführer geschrieben: Ihre Reiseerfahrungen können als Kaleidoskop des Landes und seiner Bürger mit Genuss und Gewinn gelesen werden.
Dr. Norbert Janz, Berlin/Potsdam
Vorgestellt wurde:
Sylke Tempel: Israel. Reise durch ein altes neues Land. 254 S., gebunden, Rowolth Verlag Berlin, 19,90 €.