Ein Lied für meinen Vater
Als Ella noch ein Kind war, gab ihr der Vater ein bitteres Vermächtnis mit auf den Weg: Glaube nicht der Himmel ist leer. Der Arzt Dr. Baruch Milch hatte in Polen den Holocaust überlebt und mit seiner Familie in Israel Fuß gefasst. Ein strenger, hart gewordener Mann, gefangen in traumatischen Erlebnissen. Und noch etwas forderte er von seinen Töchtern: Sie sollten sein Tagebuch des Schreckens in die Welt hinaustragen. Geschehe dies nicht, würden sie enterbt. Die Schwestern unterwarfen sich seinem Willen und veröffentlichten die Aufzeichnungen erst in Hebräisch, dann in Englisch. Jahre später, lange nach seinem Tod 1989, komponierte die Mezzo-Sopranistin Ella Milch-Sheriff eine Kantate mit Texten aus dem Tagebuch. 2002 wurde Ist der Himmel leer? bei Konzerten in Berlin und Düsseldorf aufgeführt. Damals schrieb Ingeborg Prior ein Portrait der Musikerin: Wir befanden uns gleich auf einer Wellenlänge. Ich war fasziniert von dieser intensiven, intelligenten, schönen Frau, deren Schicksal mich tief berührte. Den unmittelbar aufblitzenden Gedanken, daraus ein Buch zu machen, schob die Kölner Journalistin und Autorin energisch beiseite. Nach zwei biografischen Werken zu Nazizeit und Holocaust wollte sie nicht noch ein drittes Mal in derart verstörende Geschicke eintauchen. Ich fürchtete mich davor, fragte mich allerdings auch, warum ausgerechnet solche Themen immer wieder auf mich zukommen. Einmal im Kopf, ließ mich die Idee mit dem Buch nicht mehr los. Spontan rief ich Ella an und erreichte sie über Handy in Berlin bei einem Rundgang durchs Jüdische Museum. Das konnte kein Zufall sein. Ihr Vorschlag löste bei Ella zunächst Skepsis aus. Was sollte so interessant an ihr sein, dass jemand über sie schreiben wollte? Aber dann ließ sich die Israelin vom Anliegen der Deutschen überzeugen und begab sich voller Vertrauen in ihre Hände. Sechs Jahre später rundet sich die Geschichte mit dem Buch Ein Lied für meinen Vater. Ein bewegender Lebensbericht als eindrucksvolles Beispiel für Aussöhnung mit der Vergangenheit, verwoben mit Momentaufnahmen zur Befindlichkeit des Staates Israel und dem zerschmetterten Leben des Vaters, von dem die Tochter sagt: Ich bin im Hause eines Toten aufgewachsen.
Gerade waren die Autorinnen Ella Milch-Sheriff und Ingeborg Prior auf Lesereise. Sie stellten ihr Gemeinschaftswerk im Hamburger Schulmuseum vor, im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf, in der düsteren Krypta der Kölner St. Agnes-Kirche und auf der Leipziger Buchmesse, u.a. am Stand der israelischen Botschaft. Im Frühsommer folgen weitere Lesungen. Die beiden Frauen, in enger Freundschaft verbunden, sind einen langen, mühevollen Weg miteinander gegangen. Zuneigung und Toleranz halfen über manche Hürde hinweg, aber nicht immer war die Annäherung einfach. Es gab Bereiche, die Ella verschlossen hielt und kategorisch ausklammerte. Erleichternd war ihre deutschfreundliche Haltung, erzählt Ingeborg Prior, sie hatte schon einmal zwei Jahre im Bergischen Land gelebt, als ihr Mann, der Komponist und Dirigent Noam Sheriff, eine Professur an der Kölner Musikhochschule hatte. Beide lieben die deutsche Musik und Literatur. Dennoch hatte Ella, ganz die brave Tochter, für ihren Deutschland-Aufenthalt den Segen des Vaters erbeten. Er wurde ihr gewährt, denn auch Baruch Milch verehrte die deutschen Komponisten und Philosophen.
Während der gemeinsamen Arbeit an dem Buch reiste die Autorin viele Male nach Israel. Ella war beseelt davon, mich in ihre Familie einzuführen. Ich lernte ihre Söhne Tal und Aviv kennen, ihre Mutter Lusia, ihre Freundin Liora, eine der reichsten Frauen Israels mit Kölner Wurzeln, erzählt sie. Die Begegnung mit ihrer Schwester Shoshana, damals im Endstadium ihrer Krebserkrankung, vergesse ich nie. Ein bezaubernder, wehmütiger Nachmittag in einem Garten in Tel Aviv, erfüllt von flirrendem Licht. Das ihr durch mehrere Reportagen keineswegs fremde Land erlebte Ingeborg Prior nun wieder von einer neuen, diesmal sehr persönlich geprägten Seite. Ich habe viele Diskussionen geführt, auch mit jungen Leuten, und menschlich enorm davon profitiert. Selbst wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was dort politisch geschieht. Aber als Gast habe ich Respekt zu üben, und Ella ist nicht der Staat Israel.
Was die Freundin durch die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit entdeckte, glaubt die Deutsche zu wissen: Beim Schreiben ließ sie mir völlig freie Hand. Doch allein durch unsere Gespräche, die aus der Tiefe geholten Erinnerungen an die lieblosen Eltern, erfuhr Ella vieles über sich, was ihr vorher verborgen geblieben war. Seitdem haben sich auch ihre beruflichen Akzente verschoben. Sie gab das Singen auf und entwickelte eine immer größere Lust am Komponieren. Durch die Musik ist es ihr gelungen, sich von ihrer bedrückenden Kindheit zu befreien.
Regina Goldlücke (mit freundlicher Genehmigung
der Welt am Sonntag)
Vorgestellt wurde:
Ein Lied für meinen Vater von Ella Milch-Sheriff und Ingeborg Prior, erschienen im Aufbau Verlag, mit 20 Abbildungen, 19,95