Ein Jahr Tel Aviv
Es herrscht an Tel Aviver Stadtansichten zum hundertjährigen Jubiläum wahrlich kein Mangel auf dem deutschen Büchermarkt. Der anzuzeigenden Neuerscheinung gelingt es dennoch, eine interessante Nische zu besetzen und die Mittelmeermetropole von einer Seite zu zeigen, wie man sie sonst nicht kennt. Die Autorin schildert in einer Art „autobiographischen Reportage“ ihre Eindrücke und Erlebnisse während eines einjährigen Aufenthaltes in Tel Aviv. Wirtz hängt zuvor ihren gutdotierten Anwaltsjob in Berlin an den Nagel und lässt sich auf das Abenteuer Israel ein – keineswegs selbstverständlich für eine Anfang Dreißigjährige, die des Hebräischen nicht mächtig ist.
Chronologisch führt sie den Leser durch ihre Zeit. Sie nähert sich dabei behutsam dem Land und seinen Bewohnern an. Einfühlsam und mit unverhohlener Zuneigung werden alte und neue Bekannte einschließlich ihrer Marotten skizziert. Eindrucksvoll beschreibt sie ihre ausgeprägte Busfahrphobie und zeichnet die schier irrwitzigen Flaschenpfandregeln nach, die – bei Lichte betrachtet – den ebenfalls kaum nachvollziehbaren deutschen Regelungen in nichts nachstehen. Etwas störend muten mitunter die anstrengenden Selbstreflexionen (etwa über Wirtz’ Vater) an, die zum Verständnis eher wenig beitragen (können).
Scheinbar ganz nebenbei entwickelt sie Gedanken zu Land und Leuten, Geschichte und Gegenwart, Gesellschaft und Politik. Dieser letztlich auch deutsche Blickwinkel macht die Lektüre reizvoll und lohnend, auch wenn keine revolutionär neuen Erkenntnisse vermittelt werden. Lesenswert ist es aber allemal, wie die Autorin dem besonderen und zuweilen rauhen Charme des gelobten Landes erliegt. Dabei darf auch die Liebe nicht fehlen …
Fazit: Ein kurzweiliges und charmantes Büchlein, welches aus ungewohnter Perspektive aufschlussreiche Einsichten über eine „Stadt am Rande des Nervenzusammenbruchs“ vermittelt.
Dr. Norbert Janz
Vorgestellt wurde:
Christiane Wirtz: Ein Jahr in Tel Aviv. Reise in den Alltag, 190 S., brosch., Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2009, € 12,95, ISBN 978 3 451 05928 5.