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Auf dem Prüfstand – Das Verhältnis der Israelis zu ihrer Armee

Seit Staatsgründung im Jahr 1948 – Konsequenz des UN-Teilungsplans vom November 1947 – ist Israel nie zur Ruhe gekommen. Das kleine Land, Zuflucht auch für Holocaust-Überlebende, musste danach in zahlreichen Kriegen sein Existenzrecht verteidigen. Der ebenfalls vorgeschlagene Palästinenserstaat auf ehemals britischem Mandatsgebiet wurde von arabischer Seite abgelehnt. Generationen später ist nicht diese dramatische Fehlentscheidung im Bewusstsein vieler Menschen, sondern oft allein das Leid der Palästinenser. Dabei können sich auch nach 2. Intifada und Hamas-Herrschaft in Gaza mehr als 60 % der Israelis einen Palästinenserstaat an ihrer Seite vorstellen.

David Ranan, der selbst Militärdienst in Israel geleistet hat und heute in England lebt, gelingt es mit großer Einfühlung, erstmals in die Psyche junger Wehrdienstleistender und Wehrdienstverweigerer in Israel vorzudringen. Der Sechstagekrieg von 1967 – ein Präventivschlag auf Grund der massiven Bedrohung durch Nassers Ägypten – hat alles verändert. Nach dem Zugewinn von weiteren Gebieten glaubten nicht nur Religiöse, sondern auch manche säkulare Zionisten an Wunder. Die ersten jüdischen Siedlungen entstanden. In Khartum zerschlug sich die Hoffnung der Israelis, Land gegen Frieden einzutauschen. In einem asymmetrischen Krieg standen israelische Kampfsoldaten künftig nicht mehr Armeen gegenüber, sondern Guerillagruppen und todesbereiten Selbstmordattentätern, die es schwer machen, zwischen Kämpfern und Zivilisten zu unterscheiden.

Der Auslöser für das Buch war ein Besuch des Autors bei Freunden in Israel. Zweien ihrer Söhne war es gelungen, den Militärdienst zu umgehen. Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, interviewte Ranan 50 wehrpflichtige Israelis zwischen 18 und 30 Jahren, 27 finden sich in dem Buch. Offen sprechen sie über ihre Hoffnungen und Erwartungen und ihre moralischen Nöte. Das Spektrum reicht von scharfer Kritik am Militär über Begeisterung für die Möglichkeiten, die ihnen die Armee durch Sport, Fortbildung und das Entstehen von Freundschaften bietet, bis hin zu Verständnis für Gewalt gegen Palästinenser, sofern Soldaten ihr eigenes Leben, das von Kameraden oder auch die Sicherheit Israels bedroht sehen.

Wehrdienstverweigerung ist offiziell in Israel nicht erlaubt. Doch es gibt Umwege und Auswege, einige der Verweigerer gehen dafür mehrfach für Tage ins Gefängnis. Überrascht bin ich über den Respekt, der selbst Verweigerern unter den befragten Wehrpflichtigen entgegengebracht wird, sofern sie dies aus Gewissensgründen tun. Einige machen ein Freiwilliges Soziales Jahr oder setzen sich in anderer Form für die Gemeinschaft ein. Auf kein Verständnis stößt dagegen das „Bar Rafaeli-Syndrom“. Das israelische Foto-Model Bar Re(!)faeli hatte kurz vor seiner Einberufung geheiratet und sich kurz danach wieder scheiden lassen. Dieses und ähnliches Verhalten wird als Flucht aus der Verantwortung verurteilt. Alle Interviewpartner setzen sich mit ihrem eigenen Tun auseinander und nur wenige zweifeln an der Notwendigkeit einer starken Armee für Israel. Überfordert fühlen sich junge Menschen aber durch die Besatzungssituation. Für sie ist es kein Widerspruch, für einen Palästinenserstaat einzutreten und zugleich ein glühender Patriot zu sein.

Ranan hat das Buch seiner von den Nazis vertriebenen deutschen Mutter Sylvia gewidmet. In seiner ausführlichen Einleitung gibt er dem Leser einen exzellenten und differenzierten Einblick in die Geschichte des Konflikts, die israelische Gesellschaft und die Strukturen des Militärs, der auch für Israelkundige einen Gewinn darstellt. Er schildert die Spannungen zwischen Ashkenasim und Sefardim, Religiösen und Säkularen, aber auch zwischen Neueinwanderern v.a. aus der früheren Sowjetunion und Linksliberalen. Auch der kurze Abriss zur Geschichte und das Glossar sind sehr hilfreich. DIG-Präsident Reinhold Robbe, früherer Wehrbeauftragter des Bundestages, schrieb das Vorwort.

Die größte Sorge Ranans gilt einer möglichen Gefährdung des staatlichen Gewaltmonopols. Was geschieht, wenn eines Tages eine Räumung von Siedlungen im Westjordanland beschlossen wird und Militärrabbiner dazu aufrufen, den Befehlen nicht zu folgen? Tatsache ist, dass inzwischen mehr Religiöse ins Militär gehen und auch die Kommandoebene anstreben.

Bis September 2011 hatten sich nur wenige Arbeitsgemeinschaften für eine Lesung mit David Ranan interessiert. Für mich war das weniger überraschend, assoziiert der Titel „Lohnt es sich noch, für unser Land zu sterben?“* doch, dass junge Israelis oder gar der Autor selbst eine Verteidigung Israels nicht mehr für notwendig halten. Weit gefehlt – wie die Buchvorstellung mit dem Autor im Berliner ARD-Studio Ende September 2011 zeigte. Tatsächlich schien es so, als hätte mancher Israelkritiker nach der Veranstaltung seinen Horizont erweitert. Ich wünsche dem Buch viele neugierige Leser. Das Thema ist hochaktuell. Wie notwendig die Armee für Israels Überleben bleibt, wird auch von den Entwicklungen in den arabischen Nachbarstaaten abhängen.

*Der Titel bezieht sich auf den jüdischen Nationalhelden Joseph Trumpeldor, der im Jahr 1920 im Kampf mit Arabern in Tel Hai mit den Worten auf den Lippen starb: „Macht nichts, es lohnt sich für unser Land zu sterben.“

Meggie Jahn

Vorgestellt wurde:
David Ranan, „Ist es noch gut, für unser Land zu sterben? Junge Israelis über ihren Dienst in der Armee“, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Oktober 2011

 

 

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