Der bekannte israelische Journalist Tom Segev hat unter dem frappierenden
Titel „Elvis in Jerusalem. Die moderne israelische Gesellschaft" ein anregendes
Buch vorgelegt. Darin stellt er nicht nur aktuelle Tendenzen dar, sondern geht
gründlich auf die Entwicklung einer israelischen Identität seit den 20er Jahren
des vorigen Jahrhunderts ein. Dadurch erschließt er dem Leser ein vertieftes
Verständnis der israelischen Gesellschaft.
Ihre inneren Brüche begannen bereits mit dem Widerspruch der ultra.orthodoxen
Juden gegen Herzls Zionismus. Dessen Entfaltung und verschiedenen historischen
Strömungen legt Segev dar und schildert, wie die jüdische Gemeinschaft, der Jischuw,
entstand und wuchs. Dabei war das Selbstbewusstsein seiner Jugend vom Stolz auf eine
neue Identität bestimmt. Ende der 20er Jahre wies in Tel Aviv ein religiöser Jude
drei junge Zionisten zurecht, die am Samstag rauchten: Juden dürften am Sabbat
nicht rauchen. „Ich bin kein Jude", entgegnete einer.
Die Zionisten wollten in Palästina einen neuen Anfang. Segev untersucht,
was daraus im Laufe der Jahrzehnte geworden ist und welche Bedeutung dafür
die Katastrophe des Holocaust hatte. Als Journalist tut er das in sehr lebendiger,
anschaulicher Weise, auch mit solch charakteristischen Anekdoten.
Er vertritt die Meinung, die israelische Gesellschaft sei über ihre zionistischen
Anfänge hinaus gewachsen. Er untersucht, welchen Anteil dabei die jüdischen
Flüchtlinge aus Europa und weichen die aus den arabischen Ländern hatten.
Auch der starke Einfluss der amerikanischen Juden kam hinzu. Man erkannte,
dass sich auch in Israel der neue Mensch nicht formen lasse, hier als ein
auf seine Eigenart stolzer Jude. Neues Ziel wurde ein Bewusstsein der
Zusammengehörigkeit aller Israelis, wobei die Vielfalt der unterschiedlichen
kulturellen Prägungen anerkannt wird.
Segev meint, der Zionismus sei heute für viele Israelis Vergangenheit und
berichtet darüber, dass dafür der neue Begriff „Post.Zionismus" geprägt wurde,
um den sehr gestritten werde. Verliert die Gesellschaft ihre Identität, wenn sie
so denkt und empfindet? Oder bedeutet es gerade die Erfüllung des zionistischen Traums,
ein Volk unter Völkern zu sein, das seinen Staat wie andere hat . letztlich der
Nationalstaat des 19. Jh.?
Wem die Sache der Israelis und ihr schwerer, todernster Kampf um staatliche
Selbstbehauptung am Herzen liegt, der sollte an diesem Buch nicht vorüber gehen.
Tom Segev, Elvis in Jerusalem. Berlin 2003, Siedler, 18 €
Dr. Hartwig Thieme