Home Links Kontakt Impressum  
"Es war einmal ein Palästina" -

Der israelische Historiker Tom Segev hat ein beeindruckendes Buch vorgelegt. Auf fast 600 Seiten beschreibt er die britische Herrschaft in Palästina (1917 - 1948). Er stellt sich der verbreiteten Meinung entgegen, die Briten hätten eher die Araber als die Juden unterstützt. Aus einer Vielzahl von Quellen erschließt er die Einstellung der Politiker in London und der Beamten im Lande und kommt zu dem Schluss, die meisten standen auf Seiten der Juden; etliche bezeichnet er direkt als Zionisten. Erst nachdem die arabische Revolte niedergeschlagen sei, habe der heraufziehende Krieg dann 1939 zur Annäherung an die Araber geführt, um die arabischen Staaten davon abzuhalten, sich auf die Seite Deutschlands zu stellen. Lebendig schildert Segev, wie schließlich im gewaltsamen Kampf der Araber und Juden gegeneinander und gegen die Briten deren Durchhaltewillen zermürbt wurde und sie das Land verließen.
Damit schließt er den Bogen zum ersten Kapitel, in dem er facettenreich erzählt, wie die Türken 1917 Jerusalem verließen und die Bevölkerung, Juden wie Araber, begeistert die britischen Soldaten als Befreier begrüßten. Die Juden sahen darin ein Chanukka-Wunder; denn es war der erste Tag des Lichterfestes. Segev stellt dar, wie der arabische Bürgermeister von Jerusalem den Eroberern entgegenging, um die Kapitulationsurkunde zu übergeben, was ihm aber erst beim fünften Kontakt gelang, da die anderen Briten davor zurückschreckten, die Kapitulation der Heiligen Stadt entgegen zu nehmen.
Der ganz außerordentliche Reiz dieses wissenschaftlichen Buches liegt in solchen anschaulichen Schilderungen. Segev ist es nämlich gelungen, viele persönliche Quellen wie Tagebücher und Privatbriefe zu erschließen. Dadurch liest sich das Buch oft wie ein Roman, zumal der Autor das Schicksal dieser Personen durch Jahrzehnte verfolgt und mit den großen historischen Linien verbindet. Wir lernen den arabischen Pädagogen Khalil as-Sakakini ebenso kennen wie den jüdischen Versicherungsagenten Alter Levine. Mit dem spanischen Konsul Graf Ballobar gewinnen wir einen ganz anderen Blickwinkel. Und der Briefwechsel des jungen Jefim Gordin / Chaim Schalom Halewi mit seinen Eltern in Wilna zeigt uns die Sicht und das Leben der jungen Zionisten. Er gehörte zur "Brigade der Verteidiger der Sprache", die militant für das neue Hebräisch gegen das verbreitete Jiddisch kämpfte.
Selbstverständlich werden die Aktivitäten Chaim Weizmanns in London und in aller Welt ebenso wie die seines Rivalen David Ben-Gurion im Lande selbst detailreich dargestellt. Ebenso werden uns andere legendäre Persönlichkeiten nahe gebracht wie Josef Trumpeldor und Josef Chaim Brenner und ihr Sterben von arabischer Hand, daneben die Zionisten der ersten Stunde Ben Hillel Hacohen und Ze'ev Jabotinsky. Andererseits lernen wir auch die handelnden britischen Politiker in London und die hohen britischen Beamten und Militärs in Palästina kennen. Dass nicht wenige mit den Zionisten sympathisierten, weist Segev im Einzelnen nach. Die arabische Seite, ihre führenden Männer und deren Politik, kommen gleichermaßen nicht zu kurz, was sich bei der breit angelegten Darstellung von selbst versteht.
Segevs Resümee der britischen Politik lautet: "Die Briten eroberten Palästina, um die Türken zu vertreiben, sie blieben dort, um es nicht den Franzosen zu überlassen, und sie gaben es schließlich den Zionisten, weil sie ‚die Juden' ebenso liebten wie verabscheuten, ebenso bewunderten wie verachteten, sie vor allem aber fürchteten." (S. 43)
Dem Leser bleibt als Zusammenfassung vor allem eine Äußerung Ben Gurions von 1918 (!) über das Problem der jüdisch - arabischen Beziehungen im Gedächtnis: "Es gibt keine Lösung! Der Interessenkonflikt zwischen den Juden und den Arabern in Palästina kann nicht durch Scheinargumente gelöst werden... Dies ist eine nationale Frage. Wir wollen das Land für uns. Die Araber wollen das Land für sich." (S. 129)

Dr. Hartwig Thieme

Tom Segev: Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. 672 S., 28,00 €, Berlin 2005, Siedler Verlag. ISNB3-88680-805-X

 


Mehr Rezessionen

Zum Seitenanfang