| "Israel in deutschen Wohnzimmern": Aufklärung gegen den Mainstream
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Wohl kein Konflikt wird weltweit so intensiv diskutiert, wie der Nahostkonflikt. Auch in Deutschland
scheint es, als müsse jeder dazu eine Meinung haben - egal, wie gut oder schlecht er über die komplexen
Hintergründe des Geschehens im Nahen Osten informiert ist. Dabei vertritt der Mainstream der deutschen
Rezeption des Konflikts spätestens seit 1968 eine bewusst kritische und dadurch oft einseitige Haltung
gegenüber dem Staat Israel. Nicht generell, aber oft scheinen sich auch alte antisemitische Stereotype mit
dieser Einstellung gegenüber dem Staat der Juden zu verbinden.
Die "Initiative Antisemitismuskritik" an der Universität Hannover unternahm im Jahre 2003 mit einer siebenteiligen
Vortragsreihe in Hannover "den Versuch, einige Aspekte zu den Hintergründen des Nahostkonflikts öffentlich zur
Diskussion zu stellen". Das Ziel der Vortragsreihe: Die Zuhörer dazu zu bringen, "sich mehr für Hintergründe und
Ursachen des Konflikts zu interessieren, anstatt der Eindimensionalität der gängigen Berichterstattung zu vertrauen",
wie es in der Einleitung zu dem jetzt von der "Initiative Antisemitismuskritik" herausgegebenen Sammelband heißt, in
dem die Vortragsreihe dokumentiert wird.
Sechs redaktionell überarbeitete Vorträge, ein neuer Beitrag sowie eine Rede der ehemaligen EU-Parlamentarier Ilka
Schröder versammeln sich nun in dem Buch "Israel in deutschen Wohnzimmern. Realität und antisemitische Wahrnehmungsmuster
des Nahostkonflikts". Zweifellos kann auch dieser Sammelband die Komplexität der Problematik nicht erfassen, doch
verschafft er seinen Lesern einen hilfreichen Überblick über wesentliche Aspekte des Konflikts sowie vor allem dessen
fragwürdige Rezeption in den deutschen Medien.
Der Bogen wird thematisch weit gespannt: Die Wahrnehmung Israels und des Judentums in der arabischen Welt wird von
Jochen Müller, Direktor des "Middle East Media Resaerch Institutes", ebenso thematisiert wie die Entwicklung der
Friedenskräfte innerhalb Israels durch den friedensbewegten Grünen Jörn Böhme. Sylke Tempel, langjährige Nahostkorrespondentin,
analysiert die andere Seite des Konflikts, nämlich die internen Missstände in der palästinensischen Autonomiebehörde (PA).
Andrew Srulevitch, bis Ende 2003 geschäftsführender Direktor von UN Watch, schildert, wie die arabischen Staaten die
Gremien der Vereinten Nationen (UN) gegen Israel in Stellung bringen. Einen kurzen, aber umso übersichtlicheren Abriss
über die Geschichte Israels liefert der Publizist Philipp Emanuel Nassauer. Frank Oliver Sobich, ehemaliger
wissenschaftlicher Referent der Ex-Europaparlamentarierin Ilka Schröder, analysiert den Zusammenhang von Antiamerikanismus
und Antisemitismus, der Betreiber der "Hamburger Studienbibliothek" Lars Quadfasel die Modernisierung des Antisemitismus in
Form des heutigen Antizionismus. Den Schlusspunkt setzt die oben erwähnte Ilka Schröder, deren im Anhang abgedruckte Rede zur
Verleihung des Theodor Lessing Preises für aufklärerisches Handeln sich mit dem Missbrauch von EU-Geldern durch die PA
beschäftigt - einem Thema, an dem sie sich schon während ihrer Zeit als Europaparlamentarierin abgearbeitet hat.
Der rote Faden dieses Themenmixes besteht darin, dass alle Artikel aus ihrer jeweiligen Sicht die auch hierzulande oft
eindimensionalen Wahrnehmungen des Nahostkonflikts kritisieren und in Frage stellen. So warnt Jochen Müller davor,
den arabischen Antisemitismus vor allem als Reaktion auf die Politik der USA oder Israels zu deuten, statt sie als
wesentliches und gefährliches Phänomen eines tief sitzenden arabischen Opfermythos' zu begreifen, dessen Wurzeln
schon in der Kolonialzeit zu suchen seien und der derzeit im "Djihad-Islamismus" nur eine radikale, religiös gewendete
Form gefunden habe. Kern des Problems sei eben nicht Israel, sondern ein Minderwertigkeitskomplex der arabischen Welt,
der sich nur am Symbol Palästina immer wieder - auch bewusst durch die arabischen Eliten geschürt - entzündet. Sylke
Tempel warnt vor falscher Zurückhaltung, wenn es darum geht, der palästinensischen Selbstverwaltung die dringend
notwendigen Reformen hin zu einem westlichen System der "checks and balances" durchaus aufzudrängen, damit sich
darin "die jeweilige Kultur entfalten kann". Jörn Böhme kritisiert die Instrumentalisierung der israelischen
Friedenskräfte in der deutschen Israel-Debatte, deren Inhalte "nicht selten mehr mit der Situation hier zu tun
(haben) als mit der Situation in Israel/Palästina". Andrew Srulevitch zeigt die Hintergründe der zahlreichen
UN-Resolutionen gegen Israel, indem er den ungehemmten Missbrauch der UN-Gremien durch arabische und islamische
Staaten nachvollzieht. Und Philipp Emanuel Nassauer verdeutlicht die Kontinuität jüdischen Lebens im heutigen
Israel und räumt mit dem Vorurteil auf, Juden seien erst im 20. Jahrhundert nach Palästina gekommen und hätten
sich ein Land angeeignet, in dem sie seit biblischen Zeiten nicht mehr gesiedelt hätten. Frank Oliver Sobich
erkennt in der Anti-Irakkrieg-Haltung der Deutschen ein "Bündnis zwischen Volk und Regierung" - damals noch der
rotgrünen -, dessen ideologischer Kitt Antiamerikanismus und "latenter Antisemitismus" sei. Lars Quadfasel geht davon aus, dass der heutige Antizionismus die alten antisemitischen Ressentiments wiederbelebe. Ilka Schröder schlägt in eine
ähnliche Kerbe und warnt davor, dass "die Verbindung von Antisemitismus und Antiamerikanismus (…) durch die Wendung
der Europäischen Union gegen die USA (…) öffentliche Legitimation" erhalten habe. Auf diese Weise werde das, was als
"Globalisierungskritik, Antiamerikanismus und Antizionismus in den Köpfen von Millionen Menschen spukt, zu einem von
der europäischen Politik unterstützten und benutzten Common sense".
Von vorsichtig-abwägend bis polemisch-aggressiv präsentieren sich die Autoren in ihrem Bemühen, die Hintergründe eines
komplexen Konflikts zu verdeutlichen. In ihrer Unterschiedlichkeit tragen sie dazu bei, ihren Lesern Einblicke in
Aspekte des Nahostkonflikts zu verschaffen, die medial allenfalls selten in deutsche Wohnzimmer gelangen.
Das in der Einleitung formulierte Anliegen der Herausgeber, "die fast gespenstische Einmütigkeit in der
Beurteilung der Situation ein wenig gestört zu haben", könnte bei Lesern, bei denen wenigstens ein Ansatz von
Bereitschaft zu einer vom Mainstream abweichenden Beurteilung der Lage vorhanden ist, gelingen.
Initiative Antisemitismuskritik Hannover (Hrsg.): Israel in deutschen Wohnzimmern. Realität und antisemitische
Wahrnehmungsmuster des Nahostkonflikts. ibidem Verlag, Stuttgart 2005, 239 S., 15,90 Euro.
Roelf Bleeker-Dohmen
(Journalist und Mitglied des Vorstandes der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Duisburg-Mülheim-Oberhausen sowie
des Jugendforums Rhein-Ruhr)
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