Nr. 43/2014 – Woche 20.10. bis 26.10.14

 

Die nationale Puddingkrise – ein Kommentar zur aktuellen Diskussion über Lebensmittelpreise


Von Katharina Höftmann


Man kann es nicht oft genug sagen: Es geht nicht nur um Pudding. Es geht um die Frage, wie Leben in
Israel zukünftig aussehen soll. Es geht um die Frage, wie man israelischen Politikern vertrauen soll,
die für Versprechen gewählt werden, die sie später nicht einhalten können. Und es geht um die Frage,
was noch passieren muss, wenn selbst Demonstrationen von teilweise über einer Million Menschen,
wie im Sommer 2011, keine Änderungen bringen.

 

Der Pudding, mit dem alles anfing: Mehr als 20.000 Fans hat die Facebook-Seite „Olim le Berlin“ (Auswandern nach Berlin), auf dem dieses Foto gepostet wurde, mittlerweile.

 

Der Pudding ist, wie der Cottage 2011, das Symptom. Die Krankheit ist eine ganz andere. Die hitzige
Diskussion, ob man nun sein Land liebt, wenn man es verlässt und ob gerade Berlin ein adäquates Ziel
ist, geht oft am Thema vorbei. Das eigentliche Problem sind doch die hohen Kosten. Lebensmittel
kosten in Israel, das zeigen unzählige detaillierte Aufstellungen von israelischen Medien, 20 bis 60
Prozent mehr als der OECD-Durchschnitt. Und schon erst recht mehr als in deutschen Supermärkten
(und übrigens auch vielen Schweizer Supermärkten), die für ihre preiswerten Waren bekannt sind.
Doch neben Lebensmittel sind auch die Mieten höher als in vielen Stadtteilen in Berlin, auf Autos
kommt eine 100-prozentige Einfuhrsteuer, ja, selbst Pampers, stellte ich bei meinem letzten Berlin-
Aufenthalt fest, sind im kinderreichen Israel teurer. Grund dafür sind exorbitante Steuern,
monopolartige Strukturen, Import-Restriktionen und die Notwendigkeit für Kosher-Zertifikate, selbst
für Putzmittel. Doch bei aller Wut, die viele Israelis ob dieser Vergleiche fühlen, es gibt immer noch

genügend Israelis, die eben nicht finden, dass die Situation wirklich so schlimm ist. „Man muss
einfach nur clever einkaufen. Wenn Tomaten im Angebot sind, kaufe ich eben Tomaten. Und wenn sie
an einem Tag extrem teuer sind, kaufe ich eben keine.“, erklärte mir am Wochenende meine
Schwägerin, wohlgemerkt Programmiererin und damit zu den besser Verdienenden gehörend. „Ja sind
wir denn hier im Kommunismus?“, rief mein Schwiegervater zurück. Und auch ich fühlte mich an
DDR-Zeiten erinnert, in denen meine Eltern Unmengen Ketchup kauften, weil er eben gerade mal zu
haben war.
Ich meine: Wer in der Start-up Nation Israel lebt, sollte Tomaten kaufen können, wann immer er oder
sie Lust darauf hat. Erst drei Jahre ist es her, dass die Leute auf der Straße waren und geändert hat sich
nichts – im Gegenteil, 2013 sind viele Produkte sogar noch teurer geworden und die Gesetze, die für
mehr Wettbewerb auf dem Nahrungsmittelmarkt sorgen soll, immer noch nicht in Kraft getreten.
Israelis vergessen schnell, sagt man. Weil in der Zwischenzeit zwei Kriege geführt wurden und
existenzielle Probleme die Sorge um zu hohe Preise verdrängt hat. Aber wenn mehr und mehr junge
Leute nach Berlin auswandern, weil sie sich das Leben in Israel einfach nicht mehr leisten können
(oder wollen), werden auch die hohen Kosten zum existenziellen Problem. Ich kann nur hoffen, dass
das den israelischen Politikern klar ist, denn es geht nicht um Pudding. Es geht um unsere Zukunft.

 

 --> Die gesamte Ausgabe der Zwischenzeilen als PDF herunterladen. <--



Zwischenzeilen

Pharmazie-Gigant Teva muss tausende Mitarbeiter entlassen weiter

Pressemitteilungen

Israelfreunde verlangen Überarbeitung des Passus zum Nahen Osten weiter