Erinnerung an einen Freund

Der Berliner Verleger Axel Springer wäre am 2. Mai 2012 einhundert Jahre alt geworden. Über sein Wirken und sein besonderes Verhältnis zu Israel sprach das DIG-Magazin mit Friede Springer 



Berlin und Jerusalem waren Fixpunkte, Sehnsuchtsorte im Leben des Verlegers Axel Springer. Das konnte jeder spüren, der im Oktober 1966 bei der Einweihung des Verlagshochhauses an der Berliner Mauer zugegen war. Empfand Axel Springer, wie immer wieder zu lesen war, Israel als „zweites Vaterland“? 



Foto – von Daniel Biskup!


Friede Springer: Nein, „Zweites Vaterland“ würde ich nicht sagen. Für Axel Springer war Israel das Heilige Land. Als bewusster Christ empfand er Israel als die zweite Heimat.  


Noch immer wird, auch in der einschlägigen Literatur, darüber gerätselt, wie sich diese enge Beziehung angebahnt hat. Es ist ja bekannt, dass in Axel Springers Elternhaus in Hamburg-Altona viele jüdische Bürger freundschaftlich verkehrten. Hat die Erinnerung an die Zeit dazu beigetragen, dass er sich als erfolgreicher Verleger dem jungen Staat Israel zuwandte?

 

Friede Springer: Nein, das kam alles viel später. Er ist aufgewachsen in einem liberalen Elternhaus. Die Eltern pflegten einen wunderbaren Umgang mit Andersgläubigen. Das hat Axel Springer natürlich geprägt. Aber das hat nicht direkt dazu geführt, dass er sich später so für den jungen Staat Israel einsetzte.

 

Axel Springer war 1966 erstmals in Israel, es folgten mehr als 30 weitere Besuche. Was gab den Ausschlag für dieses intensive Engagement?  War es die Verbindung unter anderem mit  dem Hamburger Erik Blumenfeld? Blumenfeld, in der Nazizeit wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt, war CDU-Bundestagsabgeordneter mit direktem Zugang zu Bundeskanzler Konrad Adenauer.

 

Friede Springer: Erik Blumenfeld hat sicher den entscheidenden Hinweis gegeben, dass die Zeit reif sei, nach Israel zu gehen. Axel Springer verstand das als Verpflichtung, als Deutscher etwas für dieses stets gefährdete Land.zu tun. Ernst Cramer hat ihn darin bestärkt, er war bei allen wichtigen Reisen dabei, nicht nur bei Besuchen in Israel, sondern auch in den Vereinigten Staaten. Aber Ernst Cramer war nicht der Spiritus Rector des Israel-Engagements. Das war ganz bestimmt Erik Blumenfeld.

 

Asher Ben-Nathan, der erste Botschafter Israels in der Bundesrepublik Deutschland, hat schon 1967 davon gesprochen, dass er maßgeblich an der Anbahnung von Axel Springers Israel-Kontakten beteiligt gewesen sei. Trifft das zu?

 

Friede Springer: Ja, das war so. Erstaunlich: Asher Ben-Nathan und Axel Springer sahen sehr ähnlich aus. Sie waren von Anfang an Freunde. Axel Springer und sein Engagement für Israel, das hatte immer mit Menschen zu tun. So kam er nach Jerusalem und lernte dort Teddy Kollek kennen, der kurz zuvor Bürgermeister geworden war. Es entstand sehr schnell eine persönliche Freundschaft. Für Axel Springer spielten immer persönliche Begegnungen, persönliche Freundschaften eine ganz große Rolle. Asher Ben-Nathan kam übrigens vor Eröffnung des Berliner Hauses und hat eine Amphore, die immer noch im 19. Stock steht, Axel Springer übergeben.

 

Um nochmals Teddy Kollek zu erwähnen: Kollek war genauso von der Wiedervereinigung Jerusalems überzeugt wie Axel Springer von der Einheit Berlins und Deutschland. Offenbar hatten sich hier zwei Seelen gefunden. Dabei war Axel Springer eher ein Konservativ-Liberaler, Teddy Kollek hingegen Sozialist.

 

Friede Springer: Diese Freundschaft und Seelenverwandtschaft hatte mit der politischen Ausrichtung überhaupt nichts zu tun. Teddy Kollek hat sein Büro mitten in Jerusalem an der Mauer. Und Axel Springer sagte ihm bei der ersten Begegnung: Ja, ich habe auch mein Haus in Berlin direkt an die Mauer gebaut - mit dem Blick nach Osten. Die beiden Männer verstanden sich. Dieses Verständnis, auf vielen Ebenen, das war ausschlaggebend. Nicht die politische Ausrichtung. Das galt auch gegenüber Asher Ben-Nathan.

 

Bei der Einweihung des Berliner Hauses im Oktober 1966 gab Axel Springer eine Stiftung für die Archäologische Bibliothek und das Auditorium des israelischen Nationalmuseeums bekannt. Warum ausgerechnet für diese Institutionen? Der Historiker Hans-Peter Schwarz berichtet in seiner umfangreichen Springer-Biografie über die Verblüffung der in Berlin versammelten Prominenz, dass der Verleger in seiner Rede die Einweihung seines Hauses mit der parallelen Bauplanung in Jerusalem so demonstrativ verknüpfte.

 

Friede Springer: Das Museum wurde gerade in der Zeit gebaut, in der Teddy Kollek Bürgermeister geworden war, es war sein großes Projekt. Es war zunächst eine ganz normale Bibliothek. Es gab in der Jerusalemer Stadtregierung Gegner, die nicht unbedingt das Geld eines Deutschen für das Israel-Museum haben wollten. Kollek erzählte das Axel Springer, hat ihm die Umstände erklärt. Daraufhin bekam er ein Telegramm:  "Zu helfen war mein Wunsch, nicht genannt zu werden!"  Das hat sehr schnell einen großen Eindruck gemacht.

 

Axel Springer war nicht gerade das, was man einen Verehrer alles Militärischen nennt. Aber er zeigte sich als Bewunderer der israelischen Armee, er war auch im Jahr des Sechs-Tage-Krieges an Israels Seite. Ein bewußtes Signal an die nationale wie internationalle Politik, entschieden für die Verteidigung des Lebensrechtes Israels einzutreten?

 

Friede Springer: Gleich zwei Tage nach dem Ende des Sechs-Tage-Krieges war er da. Er lief mit Teddy Kollek durch die Stadt. Kollek liebte es ja, sich überall ohne Bewachung zu bewegen. Sie haben Recht: Axel Springer war kein Bewunderer des Militärs, dazu war er viel zu sehr Zivilist. Aber die Notwendigkeit einer mutigen Selbstverteidigung Israels, die hat er verstanden. Dadurch war er natürlich hoch angesehen.

 

Axel Springer hat seinen Einfluss stets geltend gemacht, wenn eine Anerkennung Israels umstritten war. So gab es lange Zeit Schwierigkeiten zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel. Es ist bekannt, dass der Verleger seine Kontakte zu dem aus dem Schwarzwald stammenden Kurienkardinal Augustin Bea nutzte, um zu versuchen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

 

Friede Springer: Ja. 1967, nach dem erwähnten Aufenthalt kurz nach Ende des Sechs-Tage-Krieges, flog Axel Springer von Tel Aviv aus nach Rom. Er traf sich mit Kardinal Bea, um ihn zu überzeugen, dass es für eine diplomatische Anerkennung Israels durch den Heiligen Stuhl höchste Zeit sei. Doch es sollte noch fast drei Jahrzehnte dauern, bis es endlich dazu kam. Bei all seinem Einsatz für Israel stand für Axel Springer im Vordergrund: Ich handele als überzeugter Christ, denn Jesus Christus war Jude. Und Jerusalem ist der Mittelpunkt der Welt.

 

Axel Springer verstand sich als überzeugter Christ lutherischer Prägung. Wollte er durch sein Engagement für Israel ein Signal setzen, dass die Juden als die „älteren Geschwister“ einer besonderen Solidarität der Christen bedürfen?

 

Friede Springer: Ja, das kommt auch zum Ausdruck in den ehemals 4, jetzt 5 Essentials, welche die Redakteure unseres Hauses unterschreiben. Dazu gehört die Verpflichtung, das Lebensrecht Israels.zu unterstützen. Aber Axel Springer, das ist wichtig, hat sich nie verstellt. Er trat immer als deutscher Patriot, als lutherischer Christ auf, und das ist in Israel durchaus gut angekommen. Man hat ihn bewundert, dass er sich nicht verstellt, sich nicht angebiedert hat und sich auch nicht verkrampft gegeben hat. Ich staune, wenn ich nach Israel komme, wie bekannt der Name Axel Springer ist, wie sehr er einen guten Klang hat.

 

Israel sieht sich auch heute wieder politischen und militärischen Gefahren ausgesetzt. Was bedeutet das für das Haus Springer - vor allem für seine publizistische Haltung?

 

Friede Springer: Klar gesagt: Wir dürfen die Politik Israels, wenn es angebracht ist, ohne weiteres kritisieren. Wir müssen nicht alles gut heißen, was die israelische Politik betrifft. Das wollte Axel Springer auch nicht. Wir stehen zu dem Lebensrecht des Staates, voll und ganz, aber das schließt Kritik an Entscheidungen der Regierung nicht aus.

 

In Jersualem, wir erinnern uns, kam ein klärendes Gespräch zwischen Axel Springer und dem ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zustande – zwischen zwei Männern also, die sich vor allem wegen der Ostpolitik entfremdet hatten.

 

Friede Springer: Es war während des letzten Israel-Besuchs von Axel Springer. Ende Januar 1985. Wir waren in einem Lokal. Da sagte Teddy Kollek plötzlich zu Axel: Übrigens, Willy Brandt ist auch hier, ich möchte euch so gerne versöhnen. In dem Lokal gaben sie sich  die Hand. Es war schon sehr, sehr bewegend, dass sich  die beiden Männer praktisch am Lebensende noch versöhnten. . .  

 

Mit Friede Springer sprachen Gernot Facius und Knut Teske



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