Dr. Jan Gerber: Fluchtpunkt Entebbe – Der linke Terrorismus und Israel
1. Juli @ 19:00 - 21:00
Eine VA der DIG AG KÖLN
Im Juni 1976 entführte ein deutsch-palästinensisches Terrorkommando eine Passagiermaschine, die von Tel Aviv nach Paris unterwegs war. Sie wurde nach Entebbe in Uganda umgeleitet. Im Verlauf der Entführung trennten die Geiselnehmer – Mitglieder der Revolutionären Zellen und der Volksfront zur Befreiung Palästinas – jüdische von nichtjüdischen Passagieren. Als Geiseln behielten sie ausschließlich Juden. Damit tauschte das Kommando »sozialrevolutionäre Maßstäbe gegen die der Sippenhaft« ein, wie eine selbstkritische Gruppe der Revolutionären Zellen später schrieb. Zeitgenössische linke Kritik, die über die allgemeine Verurteilung von Flugzeugentführungen hinausging, blieb jedoch aus. Für Empörung sorgte vor allem die israelische Befreiung der Geiseln. In der Entführung nach Entebbe kulminierte einmal mehr die antizionistische Verbalmilitanz, die von der Protestbewegung seit 1967 gepflegt wurde. Zugleich gehört sie zur Vorgeschichte der Begeisterung, mit der ein nicht geringer Teil der globalen Linken auf das antisemitische Massaker vom 7. Oktober 2023 reagierte.
Jan Gerber (* 1976) ist ein deutscher Historiker und Politikwissenschaftler. Er studierte an den Universitäten Halle und Leipzig Jura, Geschichte, Politikwissenschaft und Medien- und Kommunikationswissenschaft. Von 2000 bis 2003 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landesausstellung Sachsen-Anhalt Emporium. 500 Jahre Universität Halle-Wittenberg, für die er den Ausstellungsbereich Nationalsozialismus konzipierte. Er wurde mit mit einer Arbeit über die Reaktionen der westdeutschen Linken auf den Untergang des Ostblocks promoviert wurde. Seit 2009 ist Gerber wissenschaftlicher Mitarbeiter, seit 2010 leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dubnow-Institut (seit 2018: Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon-Dubnow). Dort leitete er unter anderem die Abteilungen Politik – Institutionen – Recht und Ereignis – Politik – Gesellschaft. 2016 habilitierte sich Gerber an der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften der Universität Leipzig mit einer Arbeit über den Prager Slánský-Prozess 1952. Im Wintersemester 2018/19 war Gerber interdisziplinärer Gastprofessor für kritische Gesellschaftsforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen, im Januar 2024 wurde er zum Honorarprofessor für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Moderne jüdische Geschichte an der Universität Leipzig berufen. Am Dubnow-Institut leitet er gegenwärtig die Forschungsabteilung Politik. Ein Forschungsschwerpunkt Gerbers ist die transnationale Geltungs- und Wirkungsgeschichte des Holocaust: Untergründiges Motiv seiner Arbeiten ist die Frage nach den indirekten Folgen der Massenvernichtung. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und der politischen Linken. Jan Gerber schreibt für diverse Zeitungen und Zeitschriften, darunter Bahamas und Jungle World, und ist Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung. Jüngste Neuerscheinung: Jan Gerber: Fluchtpunkt Entebbe. Der linke Terrorismus und Israel, Hamburg: Edition Tiamat 2026 (Critica Diabolis; 349).
Pressestimmen
»Warum wurde ausgerechnet ein Jude ein Opfer der RZ: Kam dieser Besonderheit eine Relevanz zu oder handelte es sich nur um einen Zufall? Eine Antwort kann nach bisherigen Kenntnissen nicht gegeben werden, indessen handelt es sich schon um eine erklärungsbedürftige Tatsache. Bilanzierend betrachtet veranschaulicht Gerber gut die problematische Seite, welche mit dem offen propagierten „Antizionismus“ der Linksterroristen einherging.« (Armin Pfahl-Traughber, hagalil)
»Das Buch ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil es eben die Revolutionären Zellen (RZ) ins Visier nimmt, die durch die mediale Konzentration auf die RAF und ihre Stars Baader, Meinhof, Ensslin und Mahler und auf die ›Bewegung 2. Juni‹ mit dem mörderisch-antisemitischen ›Polit-Clown‹ Kunzelmann an der Spitze bislang zu wenig Aufmerksamkeit erfuhren.« (Alan Posener, Starke Meinungen – Blog)
»Auf die damals gewonnenen Erkenntnisse, dass auch deutsche Linke antisemitisch handeln können, verweist Gerber in den Beiträgen des sehr guten Sammelbandes „Fluchtpunkt Entebbe“. Die Explosion des Antisemitismus mit linkem Gesicht nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 sieht er als einen Rückfall hinter die in den 1970er und 1980er Jahren längst erworbene Selbstreflexionsfähigkeit deutscher Linker.« (Martin jander, hagalil.com)